Lichtkünstler Gert Hof: "Künstlerische Freiheit bis der Arzt kommt" - DER SPIEGEL
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Lichtkünstler Gert Hof "Künstlerische Freiheit bis der Arzt kommt"

Ein wütender DDR-Dissident hisst das Sternenbanner: Nach den feurigen Bühnenexzessen der Rockband Rammstein inszeniert der umstrittene ostdeutsche Lichtkünstler Gert Hof nun ein millionenschweres patriotisches Spektakel des US-Milliardärs Donald Trump.
Von Peter Disch
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Es sind nur Augenblicke. Zehn, vielleicht 15 Sekunden. Dann ist die größte amerikanische Flagge, die je ein Mensch gesehen hat, Geschichte. Das Bild aber wird bleiben: Rote und weiße Lichtbalken. 280 Meter breit. Darüber ein Kranz aus blauem Licht, dessen einzige Grenze die Unendlichkeit des Himmels ist. Stilisierte "Lichter der Freiheit", die die Nacht über Atlantic City erhellen sollen. Eine neue Demonstration von Stärke der einzigen Supermacht der Welt - mit dem Unterschied, dass an die Stelle von Waffen nun Scheinwerfer treten.

"Solche Mega-Events sind für die Menschen in den USA eigentlich eine total unpolitische Sache. Unsere Einwände bezüglich der Flagge sind den Amerikanern nur schwer zu vermitteln", sagt Gert Hof. Der 52-jährige gelernte Regisseur und Lichtdesigner aus Ostdeutschland ist der Mann, der das wichtigste nationale Symbol der Vereinigten Staaten von Amerika am 26. Juli in den Himmel über das Spielcasino "Trump Taj Mahal" in Atlantic City malen soll. "Lights of Freedom" nennt sich das halbstündige Spektakel. Hof inszeniert es mit Hilfe von 1000 Lichtsystemen, Pyro-Technik vom Marktführer Grucci, Musik von Bruce Springsteen und den Dollars des US-Tycoons Donald Trump. Der besitzt in der Ostküsten-Spielermetropole Hotels und Casinos - und will Las Vegas endlich einmal die Schau stehlen.

"Lights of Freedom" soll ein Spektakel der Superlative werden. Für Hof ist das nichts Neues. Übertreibung hat bei dem Mann aus Taucha bei Leipzig Methode. Sie ist der Treibstoff seiner Kreativität. Einmal in Fahrt gekommen, produziert Hof verlässlich starke Bilder. Er vergrößert, intensiviert, monumentalisiert nach stets ähnlichen Mustern für verschiedene Künstler und Anlässe. Er inszenierte die ostdeutsche Krawall-Band Rammstein, ersann mit Mikis Theodorakis ein Licht- und Musikspektakel auf der Akropolis, feierte in Budapest 1000 Jahre Ungarn oder setzte nach der Flut des Sommers 2002 in Dresden ein Zeichen, in dem er die Semper-Oper in einen "Leuchtturm aus Licht" verwandelte. Bei Eichborn Berlin erscheint in diesen Tagen ein Prachtband, der die Hof-Shows illustriert. Titel: "Obsessions".

Was Hof so zwanghaft antreibt, ist Wut. "Jedes Mal, wenn ich mir ein bisschen unter die Haut schneide, sitzt da dieser Schmerz", sagt er. Den Schmerz, diesen einzigen Kameraden, "der ein Leben lang die Treue hält", lernte er als Schüler in der DDR kennen. Wegen der Rolling Stones landete der angehende Abiturient im Gefängnis. Tante Marga aus Hamburg hatte ihm die Stones-Singles "The Last Time" und "Satisfaction" geschickt, zusammen mit einer "Levi's"-Jeans. Hof wurde ein Schauprozess gemacht, danach kam er anderthalb Jahre in die berüchtigte Strafanstalt Bautzen. Unter seltsamen Umständen verlor er während der Haft bei einer Schlägerei sein rechtes Auge. Die Stasi deklarierte die Sache als Unfall.

Als Hof wieder draußen war, landete er in der gleichen Abiturstufe wie vorher, als wäre nichts passiert. Aber er "wollte es denen zeigen. Ich hatte ja diesen Klumpfuss von einer Akte in meiner Biographie und wusste, dass ich all das nur mit einem Wissensvorsprung ausgleichen kann". Das Abitur schaffte er mit einem Durchschnitt von 1,4. Danach stand Lesen auf dem Programm: Kierkegaard, Schopenhauer "und sehr viel Brecht". An der Universität belegte er antike Philosophie. Als der Studiengang nach zwei Jahren eingestellt wurde, schrieb er sich in Leipzig fürs Regiefach an der Theaterhochschule "Hans Otto" ein. Die Wut auf die DDR-Obrigkeiten und die Abneigung gegen das "Künstlergehabe" im Seminar flossen in provokante Inszenierungen und einfache Bilder. "Philoktet" von Heiner Müller: Schauspieler in Stasi-Trenchcoats, das Textbuch in der einen, eine Glühbirne in der anderen Hand. Acht Meter hohe Schlagschatten. Aufführungsverbot, spontaner Ruhm.

Mitte der achtziger Jahre wandte sich Hof der Rockmusik zu. Er arbeitete für DDR-Bands wie Silly und Pankow. Für Pankow inszenierte er das Musical "Paul Panke" über den Tag eines Lehrlings, das mit spöttischen Untertönen der realsozialistischen Arbeitswelt den Spiegel vorhielt. In Berlin verboten, wurde das Stück in die Provinzstadt Schwedt verbannt und nach sieben umjubelten Vorstellungen auch dort ohne Begründung abgesetzt. In seiner letzten Theaterinszenierung im Februar 1989 legte Hof dem Zentralkomitee Blindenbinden an und ließ es am Ende kollektiv Selbstmord begehen. "Danach war wirklich Schluss", sagt er.

Doch auch nach der Wende eckte Hof weiter an. Rammstein-Shows inszenierte er als Mix aus "Metropolis"-Remake, Sonnenwendfeier und Sado-Maso-Party. Sänger Till Lindemann riss die Augen auf wie ein Schauspieler im Stummfilm, drehte das Feuerrad und nahm beim Song "Bück dich" Keyboarder Flake von hinten. Die Menge johlte, das Feuilleton witterte Menschenverachtung. Auch Hofs zahmere Events für die ganze Familie sind umstritten. Während ihn die Athener zum Dank für die Millenniumsfeier an der Akropolis zum Ehrenbürger machten, wurde seine zeitgleiche Lightshow an der Berliner Siegessäule mit dem Lichtdom des Nazi-Baumeisters Albert Speer verglichen.

Es wäre zu kurz gegriffen, dem Provokateur braune Tendenzen zu unterstellen. Wenn man ihn über Auschwitz reden hört, wo er für den "Holocaust Day" im Jahre 2005 eine suggestive Lichtinstallation mit brennenden Kinderporträts beisteuern soll, spürt man glaubwürdige Wut und Abscheu "angesichts dieser ganzen Nazischeiße, die noch immer in manchen Köpfen ist". Aber Hof hat auch gelernt, politische Einwände abprallen zu lassen. Geschickt reklamiert er für sich "künstlerische Freiheit bis der Arzt kommt" - aber auch den Anspruch, mit jeder Inszenierung gesellschaftlich Stellung zu beziehen. In der DDR habe ihn die Verantwortung für sein Publikum angetrieben, sagt er: "Die waren genau so ohnmächtig wie ich. Aber ich hatte die Chance, den Leuten mit meinen Aufführungen Mut zu machen". Jetzt will er nur eins nicht: Mittelmäßig und nett sein, "auf Zimmertemperatur." Bei Hof muss es brennen.

Bei "Lights of Freedom" ist von einem emanzipatorischen Anspruch nicht viel geblieben. Die Veranstaltung wirbt. Für ihn, vor allem aber für Donald Trump. "Er feiert damit natürlich sich selbst. Aber er steht dazu", sagt Hof. Aber auch für die Freiheit, wie sie die Amerikaner im Moment verstehen. Die Widersprüche einer Nation, die sich gerne als "Land der Freien" versteht, die Rechte ihrer Bürger zuletzt aber mit einer rigiden Justizreform beschnitt, sieht Hof, der die Unfreiheit am eigenen Leib erfahren hat, so kritisch wie "den teilweise extremen Nationalismus" der Regierung Bush. "Natürlich habe ich meine klare Meinung", sagt er. "Aber den Job, den ich dort mache, ist ein anderer".

In der Show wird von seinem Unbehagen und den Brüchen der USA nicht viel zu spüren sein. Es sei denn, man kennt sich mit Bruce Springsteens Texten aus. Hof hat Songs ausgesucht, in denen jene zu Wort kommen, für die der amerikanische Traum nicht wahr geworden ist. "The River", "My Hometown" oder "Born In The U.S.A.". "Das sind keine Lieder, die Amerika bejubeln", sagt Hof. "Ich dachte ja, 'Born In The U.S.A.' würden sie mir ausreden wollen. Dann hätte ich es nicht gemacht. Aber es hat keiner was gesagt."




Gert Hof: "Obsessions. The World's Greatest Light-Monuments", Eichborn Berlin, 99 Euro