Fotografin Lisl Steiner: Von Franz bis Fidel
Fotografin Lisl Steiner "Überall nackte Männer, das hat mir schon gefallen"
SPIEGEL ONLINE: Frau Steiner, Ihr neuer Bildband ist eine Art Retrospektive auf Ihr Leben. Wie war es für Sie, das Werk zusammenzustellen?
Lisl Steiner: Es war eine schöne Reise. Das einzige, das im Leben zählt, ist das Werk, das Œuvre. Darauf bin ich stolz. Alles andere ist scheiße! Heute stehst du noch auf einem Podest, und am nächsten Tag reißen sie dich herunter. So ist unsere Gesellschaft. Kaputt!
SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?
Steiner: Das beginnt schon bei der Kommunikation: Kinder sitzen da mit ihren Smartphones, die Mutter sitzt da mit ihrem Smartphone und der Papa auch. Niemand unterhält sich mehr mit dem anderen. Grauenhaft! Das kann so nicht weitergehen.
SPIEGEL ONLINE: Auch Sie tragen Ihr Handy bei sich. Sie haben sogar einen Facebook-Account.
Lisl Steiner wurde 1927 in Wien geboren und flüchtete 1938 mit ihrer Familie vor den Nazis nach Argentinien. Dort studierte sie Kunst, begann, in der Filmindustrie zu arbeiten und entdeckte die Fotografie für sich. Das "Life"-Magazin druckte ihre Fotos des argentinischen Präsidenten Pedro Eugenio Aramburu ab - der Beginn ihrer Karriere. 1960 zog sie nach New York, wo sie als Freelancer für "Time", "Life", "Newsweek" oder die "New York Times" arbeitete. Steiner porträtierte unzählige Größen wie Fidel Castro, Louis Armstrong, Martin Luther King, John F. Kennedy oder Pele. Heute lebt sie in Pound Ridge bei New York.
Steiner: Ich bin dort nur angemeldet, weil ich wissen will, was meine Enkelkinder so treiben! Sie haben 500 Freunde. Aber wenn man 500 Freunde hat, hat man keinen einzigen. Das ist eine Beleidigung des Begriffs Freundschaft. Mit Freunden ist es doch wie mit einem Garten: Du musst ihn gießen, hegen und pflegen. Über Jahre hinweg! Facebook ist Scheißdreck, das habe ich Mark Zuckerberg auch in einem Brief geschrieben.
SPIEGEL ONLINE: Hat er geantwortet?
Steiner: Nein, aber ich werde ihm noch einen Brief schreiben. Wissen Sie, ich würde gern US-Präsidentin werden. Als erste Amtshandlung würde ich alle Politiker, die mir nicht gefallen, auf den Mond schießen - für den Weltfrieden (lächelt). Leider bin ich nicht in den USA geboren, also wird das nichts.
SPIEGEL ONLINE: Als Fotografin haben Sie doch auch eine gewisse Macht.
Steiner: Absolut! Ich habe Diktatoren kommandiert, ihnen gesagt, sie sollten nach links oder rechts gehen, aufstehen oder sich hinsetzen. 1976 habe ich den argentinischen Diktator Jorge Rafael Videla fotografiert. Ein grässlicher Kerl. Er hat Menschen aus dem Flugzeug ins Meer werfen lassen. Als ich Aufnahmen von ihm machte, war er sehr nett und sieht auch auf meinem Bild sehr lieb aus. Privat wirken diese Machtmenschen oft sehr sympathisch.
SPIEGEL ONLINE: Auch Louis Armstrong haben Sie Befehle gegeben.
Steiner: Er wollte mit mir schlafen, und als ich nein sagte, erstarrte er. In dem Moment habe ich abgedrückt. Von Winston Churchill gibt es ein Porträt, auf dem er ähnlich schockiert schaut. Der Fotograf Yousef Karsh zwang ihn, seine Zigarre aus dem Mund zu nehmen und im Moment seiner Empörung drückte er ab.
SPIEGEL ONLINE: Im Jahr 1976 haben Sie auch den nackten Franz Beckenbauer in der Badewanne einer Umkleidekabine in New York fotografiert.
Steiner: Ich war die erste Frau, die in einen Fußball-Umkleideraum durfte. Überall nackte Männer, das hat mir schon gefallen. Beckenbauer saß in der Badewanne und unterhielt sich mit Henry Kissinger, der daneben saß. Ich glaube, die haben mich gar nicht gesehen.
SPIEGEL ONLINE: Ist es wichtig, sich als Fotograf im Hintergrund zu halten?
Steiner: Das Wichtige an der Fotografie ist, am richtigen Platz zu sein und im richtigen Moment abzudrücken.
SPIEGEL ONLINE: Eines Ihrer bekanntesten Bilder entstand durch einen Irrtum.
Steiner: Fidel Castro hielt 1959 eine Rede in Buenos Aires und danach war er zu Besuch bei einem Onkel. Vor dem Haus standen einige Leute, die ich fotografierte. Danach ging ich in das Haus und wollte den Film wechseln. Aus Versehen legte ich denselben Film wieder in die Kamera ein. Ich fotografierte Castro und durch die Doppelbelichtung sind die Leute draußen und er auf einem Bild zu sehen. Ein Unfall, aber brillant.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie viel Glück in Ihrem Leben?
Steiner: Oh ja! Jedenfalls habe ich wenige schlechte Erfahrungen gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten Brustkrebs.
Steiner: Ich habe mir meine Brüste abnehmen lassen. In meinem YouTube-Video (In der Interview-Reihe "What's Underneath" legen Menschen während des Gesprächs Kleidungsstücke ab - Anm. der Redaktion) habe ich das auch öffentlich gezeigt. In meinem Alter spielt es keine große Rolle mehr, ob man Brüste hat oder nicht. Ich habe kein sexuelles Leben mehr, Gott sei Dank! Ich hatte mit meinem Mann über 20 Jahre lang jeden Abend Sex. Aber nicht diesen romantischen. Jeder hatte seinen Orgasmus und danach konnten wir gut schlafen. Zu meinem Arzt sage ich immer: Ein Orgasmus ist das beste Schlafmittel.
SPIEGEL ONLINE: Ihr liebstes Fotoobjekt war der Penis Ihres zweiten Ehemannes, heißt es im Bildband.
Steiner: Ja, ich habe ihn fotografiert. Sein Penis war sehr schön. Mein Mann war eine Mischung aus Charlie Chaplin, Albert Schweitzer und Albert Einstein. Als er 1992 im Sterben lag, habe ich ihn gefilmt. Insgesamt acht Stunden lang.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie darüber nachgedacht, Ihren eigenen Tod zu dokumentieren?
Steiner: Eine gute Idee! Vielleicht habe ich da ja eine Kamera dabei. Das wäre lustig. Wir werden geboren und wir sterben. Man sollte wissen, was das bedeutet. Und bereit stehen. Ich glaube an Selbstmord. Wenn diese Kugel da (zeigt auf ihren Kopf) nicht mehr funktioniert, will ich nicht mehr weiterleben. Ich habe meinen Arzt gefragt, was ich machen muss, wenn ich nicht mehr will. Er hat gesagt: Du kriegst Champagner und noch etwas. Und dann trittst Du aus der Tür heraus.
SPIEGEL ONLINE: Sie werden am Donnerstag 88. Woher nehmen Sie die Leichtigkeit?
Steiner: Humor, Neugierde und Zufriedenheit. Das ist besser als jede Medizin. Ich bin nicht erpicht auf Reichtum oder Popularität, ich möchte nur für das, was ich gemacht habe, Anerkennung bekommen. Im Moment bin ich sehr gefragt und wichtig. Bis übermorgen. Und dann ist es aus.
Lisl Steiner:
Lisl Baby
Ich bin die Scheherazade der Fotografie.
Sprachen: Englisch, Deutsch.
Edition Lammerhuber; 224 Seiten; 99 Euro.
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