Lolli-Rezepte: Alles eine Frage des Stiels - DER SPIEGEL
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Lolli-Rezepte Alles eine Frage des Stiels

Im Taumel des Karnevals feiert so mancher, bis er am Stock geht. Ein guter Grund, vorher noch mal einen absolut partytauglichen Snack zu naschen: Parmaschinkenlutscher mit Melonenglasur.
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Zubereitung: Parmaschinkenlutscher

Foto: Peter Wagner

Auch wenn in der närrischen Zeit so manche Geschmacksgrenze ins Bodenlose fällt: Genuss von der Stange kann weit mehr sein als nur kunterbunte Kinderlollis. Kundige Shanghai-Reisende zum Beispiel schwärmen noch nach Monaten von dem Foie-Gras-Lollipop mit Karamellüberzug, den sie im Molekularküchentempel "Jade on 36" auf der 36. Etage des Shangri-La Hotels in Pudong in den dazu servierten Champagnerschaum gedippt haben.

Weit ab vom billigen Fingerfood herkömmlicher Mini-Schaschliks oder bei der Autohauseröffnung in pappsüße Dips getunkte Zahnstocherscampi aus hormonintensiver Massenqualzucht scheint der feine Gaumenkitzler mit eingebautem Handgriff ein immer beliebteres Erfolgsmodell zu werden - und das nicht nur bei nahe liegenden Verzehrsituationen zwischen Vernissagenplattfüßen und "To Go"-Motorikern.

Ein internationales Phänomen: David Burke serviert seinen Sitzgästen im "Primehouse" in Chicago Orangen-Kebap-Lollis als Vorspeise, Heston Blumenthal - mit seinem Restaurant "The Fat Duck" auf Nummer zwei der Weltrangliste - fährt hauchdünne, salzige Karottenlutscher als Zwischengang auf, in Frankfurts coolem "Cocoon Club" lässt Mario Lohninger "Sirloin Lollypops mit Hoisinsauce" auf die Gäste los, im ohnehin ausgesprochen experimentierfreudigen Barcelona wurden die ersten "Chupa-Chups" mit Manchego- und Schinkengeschmack gesichtet, während in Norwegen kaum eine Kunstausstellung ohne vom Tablett gereichte Räucherlachs-Lollis mit eingelegtem Ingwer und Salatgurke eröffnet wird.

Steak-Lollis, Geflügelhacklutscher und Stockbrot

Keine Frage: Der schnelle Spaß vom Stiel ist längst viel mehr als nur Kinderkram zwischen Cola- und Orangengeschmack. Der Erfolg des Lolli-Prinzips auch in der herzhaften Esswelt lässt zugleich tief blicken in die verdrängten Kindheitssehnsüchte der Stöckchenfresser aller Altersgruppen. Neben rein praktischen Argumenten - Finger bleiben sauber, kein Abwasch, nur kurze Redepause, kein Spaghettisaucenfleck auf dem Bundespräsidentenrevers - sorgen diese aufgespießten herzhaften Edelprodukte für kleine, verschämt-frühkindliche Assoziationswolken, die so mancher Flying-Dinner-Gast nur noch durch konsequentes Abspreizen des kleinen Fingerfood-Fingers kompensieren kann.

Bodenständiger geht es dagegen an den Grills und Lagerfeuern der Welt zu, wo millionenfach Steak-Lollis, Geflügelhacklutscher oder das beliebte Stockbrot über die Glut gehalten werden - wenngleich die hier benutzten Stiele eher aus grobem Holz geschnitzt sind.

Grober zumindest, als die im heutigen Rezept eingesetzten Bambusspießchen, an deren Ende softig-schmackige Bällchen aus Parmaschinkenmousse mit einer Melonengeleeschicht jede Faschingsparty würdiger einläuten, als es zum Beispiel die in norddeutschen, unnärrischen Gefilden so beliebten Lakritzlutscher mit Salmiakfüllung in der Lage wären.

Wer jetzt glaubt, der Wagner hat sie doch nicht mehr alle am Stiel, sollte sich erst mal in der Szene der Ausrüster für Stehempfänge umsehen. Ein großer Anbieter von Tiefkühl-Produkten für die Cateringbranche zum Beispiel hat gleich sieben herzhafte Lolli-Sorten auf Eis: "Duett von Fisch & Meeresfrüchten", "Gänseleber-Sao-Tomé-Schokolade", "Pute & Feta-Käse", "Räucherlachs & Wasabi-Creme", "Gänseleber-Crunch", "Frischkäse in Safran Chaud-froid" und "Tramezzinirolle & Oliven-Frischkäse".

Da ist so ein bisschen Schinken mit Melone auf dem Hölzchen unter der Pappnase doch kein Stielbruch.

Rezept für Parmaschinkenlutscher mit Melonenglasur (Partysnack für 10 Personen)

Vorbereitungszeit: 20 Minuten (plus 3 Stunden Gefrierzeit)

Zubereitungszeit: 15 Minuten

Schwierigkeitsgrad: einfach

Zutaten

Parmamousse
200 g Parmaschinken

100 g Mascarpone

2 Blatt Gelatine

30 ml Sauternes-Wein (oder Vin Santo)

15 g Johannisbrotkernmehl (aus dem Reformhaus; Alternative: 1,3 g Xanthan)

1 Prise Pfeffer

Melonengelee
1 Stück Galiamelone, sehr reif

50 ml Melonensaft (am besten vom italienischen Hersteller Pago)

25 ml Midori (Melonenlikör)

20 g Vegetarische Gelatine von Sosa 

Zubereitung

Parmamousse
Sämtliche Fettränder vom Parmaschinken abschneiden, anderweitig verwenden. Schinken in feine Stückchen schneiden. Sahne und Sauternes in Topf kurz aufkochen, Schinken unterheben, bei niedriger Temperatur (darf nur leicht köcheln) mit geschlossenem Topfdeckel 15 Min. dünsten. Dabei immer wieder umrühren. Im Mixer oder mit dem Schneidstab zu einer glatten Creme pürieren, durch feines Sieb passieren, Flüssigkeit auffangen, Siebinhalt bereit halten. Flüssigkeit im Topf bei mittlerer Temperatur auf die Hälfte reduzieren, Gelatine in kaltem Wasser einweichen, ausdrücken und mit Schneebesen zusammen mit dem Johannisbrotkernmehl in der zähen Flüssigkeit vollständig auflösen. Vom Herd nehmen, mit Handmixer oder Schneidstab nochmals sorgfältig durchschlagen, damit sich keine Klümpchen bilden. Diese Creme in dem pastenartigen Siebinhalt (im Mixer oder mit dem Schneidstab) zu einer möglichst glatten, halbsteifen Mousse verrühren, mit Pfeffer abschmecken.

Eine Halbkugel-Silikonbackform (z.B. "Half Spheres Classic Größe 6") mit Trennspray einsprühen (oder dünn mit neutralem Öl bestreichen). Mit beiden befeuchteten Händen passende Kugeln formen, in die Silikon-Halbkugeln drücken und mehrfach rotieren, bis die Moussebälle gleichmäßig rund sind. In jede Kugel einen Bambusspieß mit der Griffseite einstechen, Mousse an der Einstichstelle fest drücken. Die komplette Backform mit den Spießen 3 Stunden einfrieren.

Melonengelee
Melone längs halbieren, Kerne auskratzen eine Melonenhälfte zum Anrichten bereit halten. Von der anderen Hälfte das vollreife Fruchtfleisch auskratzen und zusammen mit dem Saft und dem Likör fein pürieren. Durch Passiertuch (oder einen Superbag) passieren. Flüssigkeit bereit halten.

Anrichten

Melonenflüssigkeit so rasch wie möglich erhitzen, Gelatinepulver einrühren. Wenn die Flüssigkeit aufkocht, sofort vom Herd nehmen. Gelierprobe machen: ein TL der Masse muss auf einem Teller binnen 30 Sek. vollständig geliert sein. Falls nicht: 5 g Gelatine zumixen. Flüssigkeit auf 60 Grad erkalten lassen. Herkömmliche Gelatine aus Tierabfällen geliert nicht so schnell und fest aus und ist deshalb für diese Zubereitung nicht geeignet.

Die Parmakugel am Spieß anfassen, über den Topf halten und den leicht zähflüssigen Melonensaft mit Schöpflöffel gleichmäßig über die Kugel laufen lassen. Kurz warten (geliert binnen Sekunden), Vorgang wiederholen, bis 3 Schichten Gelee aufgetragen sind. Die angegeben Mengen reichen je nach Kugelgröße für 15-20 Lollis.

Die zweite Melonenhälfte mit dem Anschnitt nach unten auf eine passende Servierplatte stellen, Parma-Lollis wie bei einem "gespickten Igel" einstechen. Sofort servieren.

Küchen-Klang

Auf der Suche nach einer Musik, die in etwa so schräg ist wie Parma-Lollis, wird man in Portland/Oregon fündig: dort erweckt die Band Musée Mécanique auf ihrer CD "Hold This Ghost" (Rough Trade) die mechanischen Musikinstrumente des gleichnamigen Museums zu neuem - wie gesagt - sehr schrägen, Leben.

Getränketipp

Zu den Lollis passt natürlich hervorragend ein Melonen-Belvini als Aperitif: pro Glas 1 El frisches Melonenpüree und 2 El crushed ice mit trockenem Schaumwein auffüllen und kurz verrühren.