London im Graffiti-Fieber "Mild Style"
Freitagabend in einer Londoner Tiefgarage: Böse Jungs mit etwas zu tief ins Gesicht gezogenen Wollmützen, etwas zu weiten Hosen und etwas zu großen Jacken gucken Breakdance-Videos, DJs lassen den coolen Elektro-Funk von Afrika Bambaatas Soul Sonic Force vom Vinyl rollen und die Wände sprechen Bände. Von gewitzten Arbeiten mit der Schablone, die einen Lenin mit Irokesenschnitt und Piercings zeigen über die fetten Schriftzüge aus der alten Schule bis hin zu der an einen Pfeiler gesprühten Mona Lisa, die jemand mit einem giftgrünen Fadenkreuz verziert hat, sagt jeder Quadratzentimeter: Graffiti ist zurück! Doch statt der zu erwartenden Ordnungsmacht gibt sich hier der interessantere Teil der Londoner Szene ein unterirdisches Stelldichein, darunter die Macher von Hip-Magazinen wie "Wallpaper", "Sleazenation" und "The Face".
Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Location nicht in einer rauen Gegend wie Catford oder Peckham liegt, sondern sich im noblen Marylebone genau unterhalb der Schweizer Botschaft befindet, die Zürcher Underground-Graffitisten jetzt als Zugpferd für ihre Veranstaltungsreihe "Next Generation" entdeckt haben - und das, obwohl der berühmt-berüchtigte "Sprayer von Zürich" einst auf wenig eidgenössische Gegenliebe stieß. Botschafter Bruno Spinner erläutert den Sinneswandel: "Der Schweizer Steuerzahler finanziert die Botschaft und ihre fünfzig Angestellten, da soll dieses Kapital auch eingesetzt werden für die moderne Schweiz. Das Sprayen an sich ist ja nicht verboten. Es ist nur verboten, auf Mauern oder Wände zu sprayen, die einem nicht gehören, ohne dass man zuvor fragt. Mir persönlich gefällt das übrigens sehr gut, da es eine Kombination von Kunst und Politik ist."
Die in den späten Siebzigern in gefährlichen Gegenden wie der New Yorker Bronx entwickelte Kunstform, die schon den französischen Postmodernisten Jean Baudrillard zu tiefschürfenden Überlegungen über den "Aufstand der Zeichen" veranlasste, erlebt dazu in London derzeit ihren dritten Frühling: Von Ben Cole entworfene Graffiti-Teller und Tassen lassen sich für bescheidene acht beziehungsweise sechs britische Pfund bei Sponge erwerben, Papp-Hocker im Graffiti-Look von Sharon Elphick gibt es für 75 Pfund bei Twentytwentyone. Die angesagte Dragon Bar in Clerkenwell sieht von innen so aus wie einst Jugendzentren in Berlin-Kreuzberg und in vergleichbaren Gegenden kann man Graffiti-Kunst der milden Sorte bei für daheim erwerben - zum Beispiel bei ww.modcons für 40 Pfund pro Quadratmeter.
Warum das so ist, weiß Andrew Quammie, der sich einst als "Seize" einen Sprüher-Namen machte und zu Crews wie der "So Tuf Posse", den "Mad Ethnics" und der "World Domination Crew" gehörte: "In den letzten sieben oder acht Monaten ist mir aufgefallen, dass die Top-Modedesigner anfangen, Graffiti-Motive auf Kleidungsstücken verwenden. Das beeinflusst natürlich wiederum die Magazine, die immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding sind." Dazu dürfte der Retro- und Nostalgie-Faktor eine Rolle spielen. Viele, die heute das schnelle Geld in den entsprechenden Trendberufen verdienen, waren zu Zeiten von "Wild Style" Teenies und kaufen sich nun ein Stück ihrer Jugend als Geschirr zurück.
Doch anders als viele, die gerne Rebellen gewesen wären, wenn es ihnen nicht die Eltern verboten hätten, kann Andrew Quammie auf eine saubere Sprüher-Biographie zurückblicken: "Ich habe 1987 angefangen, als die 'Chrome Angels' und die 'London Giants' groß waren. Damals war ich achtzehn und es war eine Herausforderung, so gut wie diese Leute zu werden. Das war eine Sache, mit der ich etwas anfangen konnte. Rappen, DJ-ing oder Breaken waren nie mein Ding, aber sprühen konnte ich gut." Zu Beginn besprühte Quammie wie alle Kids Züge und wurde mehrmals verhaftet. "Da habe ich erkannt, dass das so nicht weitergeht und habe begonnen, auf großen Wänden wie zum Beispiel in der Hall of Fame in Ladbroke Grove zu arbeiten. Das ging natürlich nur, wenn man einen gewissen Standard hatte und mit den Jungs aus der Gegend klarkam, ansonsten wäre es sofort beschmiert worden."
Seine Zukunft sah "Seize" allerdings nicht auf der Straße, sondern in der Kunsthochschule St. Martins, wo er Malerei studierte und abschloss. Danach gründete er eine Firma, die professionell Wände für Film und Fernsehen verschönert und hat nun zusätzlich beschlossen, auch die modischen Früchte seiner Arbeit nicht mehr anderen zu überlassen, sondern selber auf dem Laufsteg mitzumischen: Die von ihm besprühten Jeansjacken gibt es als Einzelstücke ab 300 Pfund und könnten sich in der nächsten Saison zu einem absoluten "Muss" entwickeln - zumindest auf Tiefgaragen-Partys.
Jeansjacken von Andrew Quammie sind zu bestellen unter 0044/7967 879 421
Graffiti-Geschirr gibt es bei Sponge, 0044/208 969 6609