Loriot wird 80: Früher war mehr Lametta - DER SPIEGEL
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Loriot wird 80 Früher war mehr Lametta

"Alles, nur keine Gala" hat sich Loriot an seinem Ehrentag gewünscht. Heute wird der Grandseigneur des deutschen Humors, der dem Publikum Knollennasen-Männchen und unzählige Fernsehsketche geschenkt hat, 80 Jahre alt. Am Donnerstag feiert er in der ARD seinen runden Geburtstag nach - mit alten Weggefährten und neuem Material.
Von Oliver Baentsch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer kennt diese Szene nicht: Erbost verlassen die Hoppenstedts das Restaurant, nachdem ihnen ein befreundetes Paar den letzten Nachtisch streitig gemacht hat. Brüderlich in der Mitte teilen wollten sie ihren Kosakenzipfel, doch als Herr Pröhl das ganze Zitronencremebällchen "versehentlich verschluckt", ist Schluss mit lustig: "Hier wäre die Hälfte gewesen. Wäre!" - "Jo-del-schnep-fe!" - "Win-sel-stu-te!" - "Man soll eben auf dem Campingplatz keine Bekanntschaften machen!" Willkommen in Loriots unverwechselbarem Mikrokosmos, in dem spießig-pedantische Kleinbürger hemmungslos ihre Macken kultivieren.

Heute feiert Vicco von Bülow, wie Loriot mit bürgerlichem Namen heißt, seinen Achtzigsten und kehrt zu dem Medium zurück, das er so gern auf die Schippe genommen hat. "Entschuldigen Sie, ich bin vom deutschen Fernsehen", hatte er in einer frühen Szene eine Dame auf der Straße angesprochen. "Och, das tut mir leid, ich habe gar kein Kleingeld dabei", kam prompt die Antwort.

Zwar hatte Loriot vor sieben Jahren sein Fernsehwerk für abgeschlossen erklärt, doch hartnäckiges Drängen des NDR habe ihn schließlich zu einem TV-Comeback überredet. Unter dem Motto "Fernsehen - ja oder nein?" ist Loriot mit gewohntem Hang zur Perfektion ans Werk gegangen, hat neues Material geschrieben und gleich auch die Regie der anderthalb Stunden langen Geburtstagssendung übernommen.

Zum Achtzigsten gibt es ein Wiedersehen mit der Nudel

Die üblichen Verdächtigen aus seinen Fernsehparodien hat Loriot dafür zusammengerufen, neben "Herrn Halmackenreuter" Edgar Hoppe sind auch Rudolf Kowalski ("Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann.") und "Lottogewinner" Heinz Meier mit von der Partie, dessen Tochter ja seinerzeit mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal eröffnen wollte. Loriots kongeniale Partnerin Evelyn Hamann komplettiert die illustre Fernsehrunde, die ergebnislos und zielsicher aneinander vorbei quasseln wird. Zum Schluss der Sendung kündigt Loriot gar ein Wiedersehen mit einem Paar in einem gewissen italienischen Restaurant an, wo der richtige Umgang mit Nudelgerichten auch nach 30 Jahren noch einige Mühe bereitet. "Sie haben da..." - "Nein, sagen Sie noch nichts..."

Der vergebliche Versuch, die widerspenstige Nudel zu zähmen, gehört unstreitbar zu den Klassikern aus Loriots spitzer Feder. Jahrzehnte lang hat er in Sketchen, Zeichentrickfilmen und Imitationen das hintergründig Absurde heraus gearbeitet ("Herr Müller-Lüdenscheidt, in meiner Wanne pflege ich das Badewasser selbst einzulassen!") und ist scharfsinnig, aber nicht gnadenlos, komisch, aber nicht vernichtend geblieben. Loriot entlarvt die sinnlosen Rituale seiner Mitmenschen quasi im Vorbei gehen, der präzisen Beobachtungsgabe bleiben auch kleinste Details nicht verborgen.

Der aussichtslose Kampf mit der Rindsroulade

Als Regisseur, Autor und Hauptdarsteller brilliert Loriot dabei in den unterschiedlichsten Rollen, mal hilft er als unbedarfter Mitspieler in einer Skatrunde aus ("Kennen Sie Schnipp-Schnapp? Das ist auch ein Spiel für drei Personen."), mal nörgelt er als Opa Hoppenstedt über den Weihnachtsbaum der Familie ("Früher war mehr Lametta."), mal verwüstet er wegen eines schief hängenden Bildes ein ganzes Zimmer. Der Widerspruch zwischen gut gemeinter Absicht seiner Figuren und tatsächlichem Ergebnis ist der rote Faden in Loriots Geschichten: Da möchte der Preisträger eines Bratfett-Wettbewerbs im Theater bloß ein wenig Smalltalken ("Es musste heißen: Brat fettlos mit Salamo-Bratfett ohne. Aber es stand geschrieben: O mo ne la sa mit brat brat... äh nein...") oder der ältere Herr beim Herrenausstatter einen neuen Anzug erstehen ("Mein Mann ist etwas voll in den Hüften, mit ziemlich kurzen Armen."), am Ende verheddern sie sich in Missverständnissen, Chaos, Kollisionen. Ist es denn wirklich so schwierig, eine Rindsroulade auszuwickeln oder an der Opernkasse Karten für "Martha" zu besorgen?

Es scheint fast so. Gerade die Schwächen seiner Protagonisten bescheren ihnen so viel Sympathie und Identifikationspotenzial. Ein nicht geringes Maß der Figuren stecke auch in ihm selber, hat Vicco von Bülow einmal gesagt. "Ich zeige allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben." Neben dem Erfolg seiner "Dramatischen Werke", die ihm den Ruf eines Chronisten der Bundesrepublik einbrachten, hat sein bescheidenes Auftreten in der Öffentlichkeit viel zu seiner bis heute anhaltenden Popularität beigetragen. "Herrn von Bülow haben wir als freundlichen und leise auftretenden Menschen kennen gelernt", bestätigt auch Tim Gruhl vom NDR, der mit dem Humoristen wochenlang an dessen Geburtstagssendung werkelte.

Kritik an den frühen Hunde-Cartoons im "Stern"

Dass Loriot beim Publikum auch auf Ablehnung gestoßen war, ist aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar. Doch für seine frühen Karikaturen in der Zeitschrift "Stern", für die er ab 1953 - nach Kriegsdienst, Notabitur und Grafikstudium - freiberuflich tätig ist, bekommt Loriot einigen Gegenwind. Böse Briefe schreiben die Leser des Hamburger Magazins über gezeichnete Hunde, die Klavier spielen und sich Menschen halten, so dass Chefredakteur Henri Nannen die Cartoons nach ein paar Wochen aus dem Blatt nimmt.

Berühmt wird Vicco von Bülow, dessen Künstlername auf das Wappentier der Familie, den Pirol, zurückgeht, trotzdem. Mit seinen stets korrekt gekleideten Knollennasen-Männchen hält er seit Mitte der fünfziger Jahre der deutschen Gesellschaft satirisch den Spiegel vor, zunächst mit Zeichnungen, ab 1967 in der ARD-Sendung "Cartoon" auch in bewegten Bildern. 1976 feiert "Loriot I" Premiere bei Radio Bremen, Vicco von Bülow präsentiert die Sketchshow zusammen Evelyn Hamann auf dem legendären grünen Biedermeiersofa, dem Inbegriff des deutschen Muffs.

"Sag nicht immer Pussi zu mir"

1980 sagt Loriot dem Fernsehen vorläufig Adieu und widmet sich verstärkt anderen Leidenschaften. Er inszeniert Theaterstücke oder bringt Opern wie "Der Freischütz" oder "Wagners Ring an einem Abend" auf die Bühne. Und es drängt ihn auf die große Leinwand: Mit "Ödipussi", der Geschichte eines 56-jährigen Muttersöhnchens, das sich emanzipieren will ("Mama, sag nicht immer Pussi zu mir!"), gelingt Loriot 1988 in beiden Teilen Deutschlands ein Kassenschlager, drei Jahre später folgt mit "Pappa ante portas" der zweite Streich.

Nach den beiden Kinofilmen wird es stiller um Vicco von Bülow, der gemeinsam mit seiner Frau zurückgezogen am Starnberger See lebt. Das Älter werden empfinde er als Zumutung, hat er in einem Interview offenbart. "Das macht sich bemerkbar durch ächzendes Verlasen des Taxis, die Unauffindbarkeit des zweiten Mantelärmels und - immerhin - durch zu Hilfe eilende junge Damen." Zeit für seinen wohlverdienten Ruhestand hat Loriot indes nicht: Auf Jubiläen und Festlichkeiten reißen sich Veranstalter darum, ihn als Laudator zu gewinnen; 2003 übernimmt er an der Berliner Universität der Künste eine Honorarprofessur, und dann waren da ja noch diese Anfragen vom Fernsehen, ob er nicht doch Interesse hätte, seine Geburtstagsshow... Hatte er.


"Loriots 80. Geburtstag", Donnerstag, 13. November 2003, 20.15 Uhr in der ARD

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