Love Parade "Wir feiern trotzdem"
Last Exit Lausitzring. Wenn es um Ausweich-Locations für die am 14. Juli auf der traditionellen Route abgesagten Love Parade geht, stehen die inzwischen üblichen Verdächtigen mit Angeboten Schlange: Hannover, Köln, Frankfurt bieten Asyl an, der "Berliner Kurier" bringt sogar den Eurospeedway Lausitzring ins Spiel.
Ganz Berlin ist eine Gerüchteküche, wenn es um die Durchführung der größten deutschen Musikveranstaltung und Demonstration in diesem Jahr geht. Politiker aller Couleur schlagen Ersatzrouten vor und fordern eine rasche Einigung. Innensenator Werthebach konterte hingegen, dass es nicht seine Aufgabe sei, sich den Kopf über die Nöte der Parademacher von Planetcom zu zerbrechen.
Die Veranstaltungsagentur heizt das Gerede durch eine nahezu vollständige Informationsblockade über seine weiteren Pläne noch zusätzlich an. Man überprüfe, so heißt es vom Planetcombüro am Alexanderplatz, ein in Auftrag gegebenes Gutachten, ob eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Sinn mache.
Unbill der Reiseveranstalter
Die offenbar geringe Bereitschaft von Planetcom, sich um eine schnelle Alternativlösung zu bemühen, zieht inzwischen den Unbill vieler Reiseveranstalter auf sich, deren auf den 14. Juli gebuchte Kunden wiederum um schnelle Aufklärung bitten. Auch die Hotelbranche ist genervt: Auf Grund der chronischen Bettenknappheit zum Event haben zahlreiche Kunden bereits Zimmer reserviert.
Doch für das Schweigen von Planetcom gibt es handfeste Gründe. Man wolle, so lautet es aus dem Umfeld der Veranstalter, in diesem Jahr endgültig seinen Status als Demonstration mit Sonderrechten manifestieren, um zukünftig Planungssicherheit zu haben. Und je größer das Getöse und je näher die Vision, das Berlin Einnahmen durch ravende Gäste in Höhe von den allseits geschätzten 250 Millionen Mark tatsächlich verliert - desto günstiger die Verhandlungsposition der Love-Parade-Veranstalter, denen so gesehen ihr Status als "abgesagt" oder - nach ihrer Definition - "verboten" entgegenkommt.
Die Strategie könnte aufgehen. Die Junge Union, selbst schon mal bei der Parade mit einem Wagen am Start, fordert den Senat bereits auf, die Parade jährlich mit 400.000 Mark zu unterstützen.
"Dann feiern wir eben ohne Love Parade"
Andererseits bröckelt der Support der Love Parade vor allem bei ihren engsten Anhängern. Kein Berliner Technoveranstalter hat seine Party am 14. Juli bisher abgesagt, auch die bereits für diesen Termin georderten Wagen mit Soundsystemen wurden bislang nicht storniert. "Dann feiern wir eben ohne Love Parade" sagt ein langjähriger Betreiber eines Love-Parade-Trucks, der nicht genannt werden will, weil er sonst Repressionen bei seiner Anmeldung seitens Planetcom befürchtet. "Wir brauchen keinen durchorganisierten Umzug, wir brauchen wieder Spaß".
Profiteur der verfahrenen Situation könnte womöglich die Fuck Parade werden. Einstmals als Gegenveranstaltung zur Love Parade gedacht, weil sie an den ursprünglich unkommerziellen Charakter von Technomusik erinnert, könnten sich ihr in diesem Jahr zahlreiche Technofans anschließen, Motto: Hauptsache irgendeine Parade. Im Internet kursieren allerdings auch Aufrufe, sich der Demo der Umweltschützer anzuschließen und dort "auf traditionelle Art und Weise zu feiern". Andere Erwägungen gehen von spontanen, unangemeldeten Liebesumzügen rund um den Treptower Park aus.
Damit hätte die Rave-Bewegung am Love-Parade -Tag dann wieder ihr dissidentes Ereignis und Innensenator Werthebach eine vollkommen neue Aufgabenstellung...