Love Parade Wurmfortsatz der Mega-Party
Berlin - Ein paar von diesen Menschen, die man früher einmal Raver nannte, haben bestimmt Ausschau gehalten nach dem Mann, den sie Dr. Motte nennen. Er war ja immer da, eine Art ungeschriebenes Gesetz. Nicht so diesmal: Er hält das ganze Spektakel inzwischen für einen kommerziellen Aufguss, daher blieb er fern. Der neue Veranstalter des Spektakels, der Betreiber einer Kette von Fitness-Studios, hatte ein paar Ideen ersonnen, die bei Motte nicht viel Anklang fanden. Motte verzichtete also auf den ersten Umzug durch Berlin nach zwei Jahren Pause, dem 16. insgesamt.
Für manche war es ein Rücksprung in eine Zeit, die viel länger als zwei Jahre vergangenen scheint, gekommen waren nicht ganz so viele Leute, die das Glück im Gestern suchten. Auf jener Strecke zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, der Straße des 17. Juni, war Platz. Sehr viel sogar, man konnte dorthin gehen, wohin man wollte, es wurde weder gerempelt noch gestoßen.
Eine Millionen Menschen hatten sich die Veranstalter selbst versprochen. Am Ende sollen es 500.000 gewesen sein, aber das scheint arg hoch gegriffen. Eher könnten es jene 100.000 gewesen sein, die die Polizei am Nachmittag schätzte. 2006 ist eben nicht 1996. Damals, als in Berlin die größten Partys des Landes gefeiert wurden, allenfalls herausgefordert vom Kölner Karneval.
Vielleicht hätte man dem kleinen Massenauflauf im Sommerloch allerhand Beachtung geschenkt. Doch die größte Party, die dieses Land je erlebt hat, eine als Weltmeisterschaft camouflierte Dauerfete, ist ja erst vor ein paar Tagen zu Ende gegangen. So ist die Love Parade allenfalls ihr Wurmfortsatz.
Es ist genau eine Woche her, da hatte Jürgen Klinsmann zu einer Rede geladen, die seine Abschlusskundgebung war. Und die Menge kam, weil sie ein paar Helden ihrer Zeit sehen wollte. Es war kaum abzuschätzen, wie viele Menschen es gewesen sind am Brandenburger Tor. Die sogenannte Fanmeile, das größte Besäufnis-Reservoir für einen Monat, war knüppelvoll. Von oben betrachtet sah es aus wie ein Teppich in Schwarz-Rot-Gold. Manchmal ging es hektisch zu auf dieser Fanmeile, immer und immer wieder hörte man Trillerpfeifen. Die Polizei war sehr präsent, was wohl daran lag, dass man den Pappenheimern vom Fußball eher Arges zutraute als den freundlichen Hedonisten.
Jenes Maß an Überspanntheit, das ein paar der notorischen Deutschland-Anhänger mit hereinbrachten in die Jubelfeiern, fehlte bei der Love Parade völlig. Hier tanzten Menschen mit bunten Haaren, mit lustigen Frisuren und hohen Plateaustiefeln. Es zappelten ein paar Mädchen, die soviel Metall im Gesicht trugen, dass jeder Metalldetektor für sie unpassierbar gewesen wäre. Einige hatten Trillerpfeifen dabei, doch diejenigen, die mit Insignien in den Nationalfarben erschienen waren, konnte man am Nachmittag an drei, vielleicht an vier Händen abzählen, weswegen man festhalten darf, dass kollektive Party mit dröhnendem Unterton in Deutschland sehr stark an den Fußball gekoppelt ist. Das sollte jenen zu denken geben, der angesichts der WM-Feierlichkeiten Vergleiche mit dem Karneval als Entladungsraum angestellt hatte.
Auf dem gleichen Raum war es geradezu leise im Vergleich zu jenem Getöse, dass die Fanmeile sonst umschwirrte. Und es war weder stickig, noch ging es hitzig zu, die Polizei hat sehr wenig zu tun, nur wenig mehr die Sanitäter, die sich vornehmlich um Kollabierte kümmern, aber das gehört ja dazu. Und dann, am Abend, gaben auch Paul van Dyk und Westbam noch einmal einen zum Besten, die Abschlusskundgebung stieg nur ein paar Steinwürfe entfernt von jener Stelle, wo vor einer Woche Klinsmann und seine Jungs gefeiert wurden.
Dann legte Westbam noch einmal auf, manche erzählten davon, wie es früher war, als alles begann. Ein paar von ihnen irrten noch mitten in der Nacht über die Leipziger Straße. Sie suchten den alten Techno-Bunker Tresor. Sie kamen zu spät. Der Laden hatte vor mehr als einem Jahr seine Türen für immer geschlossen.