Mafia-Abend auf Arte Morddrohung als Berufsrisiko
Wo früher die Cosa Nostra regierte, waltet nun ein Kollektiv. Die Kooperative Plazida Rizzotto bewirtschaftet jetzt schon seit einiger Zeit die fruchtbaren Ländereien eines Paten, der eine langjährige Haftstrafe abzusitzen hat. Am Anfang sei man immer wieder angegriffen worden, im ersten Jahr sei sogar die gesamte Ernte bei einem Brandanschlag draufgegangen, berichtet einer der Kollektiv-Bauern. Inzwischen aber lebe man sehr gut von den Erträgen.
Brüderlich geteiltes Glück statt organisiertem Verbrechen geradezu utopisch klingt es, was da im traditionell mafiaverseuchten Sizilien vor sich geht. Kann eine unbewaffnete Bürgerbewegung tatsächlich die Macht aufbringen, an den Strukturen einer seit über 150 Jahren gewachsenen kriminellen Vereinigung zu rütteln?
"Die Zivilgesellschaft muss mobil machen!"
Die Dokumentation "Gemeinsam gegen die Mafia" zeigt Menschen, die sich auf unterschiedlichste Weise aus dem Würgegriff der Cosa Nostra zu befreien versuchen. So zum Beispiel den Priester Don Luigi Ciotti, der mit seiner Vereinigung "Libera" nicht nur wirkungsvolle Gedenkzüge für Verbrechensopfer organisiert, sondern ganz handfest eben auch jenes Gesetz zur Beschlagnahmung krimineller Güter zur Verabschiedung brachte, durch das die Kooperative Plazida Rizzotto in den Besitz des Mafia-Guts gelangen konnte.
"Die Zivilgesellschaft muss mobil machen!" fordert irgendwann einer der vielen Anti-Mafia-Aktivisten vollmundig in die Kamera. Die Folgen freilich, da darf man sich nichts vormachen, können sehr unzivil sein. All die freundlichen mutigen Menschen, die im Film von Regisseur Jorge Amat ("Auf der Suche nach Kafka") beim Aufbegehren gegen die Cosa Nostra zu sehen sind, werden von waffenstarrenden Bodyguards begleitet.
Denn allein und ungeschützt geht nicht mehr vor die Tür, wer sich einmal mit der Cosa Nostra angelegt hat. Der Weg in die Freiheit, er macht bisweilen ziemlich unfrei. Das weiß der Bürgermeister des schönen Gela, der per Verfügung sämtliche Mafiosi aus den örtlichen Unternehmen drängen ließ, genauso wie der Besitzer des edelsten und ältesten Restaurants der Stadt. Der wollte irgendwann nicht mehr sein "Pizzo", das Schutzgeld, zahlen. Seitdem wird der Genussmensch ständig von drei Leibwächtern begleitet, während sein Laden streng bewacht wird: La Dolce Vita mit Fort Knox-Feeling.
Die Macht der kalabrischen Paten
Gangster-Folklore hat beim Arte-Themenabend "Kampf gegen die Mafia" keinen Platz. In einer zweiten Doku geht es um die Macht der kalabrischen Paten: "Das dunkle Business der 'Ndrangheta" zeichnet nach, wie sich die Organisation, die auch für die Ermordung von sechs Italienern in Duisburg im August letzten Jahres verantwortlich sein soll, ihr Netzwerk über ganz Europa ausgeweitet hat. Denn ob es nun um die Cosa Nostra, um die Camorra oder eben die 'Ndrangheta geht man hat sich längst bestens aufgestellt für den globalisierten Markt.
Wobei die jeweiligen Clans im Herkunftsgebiet selbst jegliche Dynamik des freien Marktes außer Betrieb zu setzen versuchen wie Regisseur Amat in "Gemeinsam gegen die Mafia" aufzeigt. In Sizilien wirke die Cosa Nostra als umfassende regulierende Kraft. Über den Erfolg eines Unternehmers entscheide demnach nicht, wie er sich im Bereich von Angebot und Nachfrage positioniere, sondern in welchem Maße er sich ins Cosa-Nostra-System der Verpflichtungen und des Schweigens füge. Die unangenehmen Schwankungen des Marktes werden so zwar abgefedert, sämtliche Gewinne greifen denn aber auch die jeweiligen Paten ab.
Erfolgsgeschichte mit perfiden Begleiterscheinungen
So gesehen ist es nur schlüssig, dass - neben der moralischen Empörung über die kriminellen Ausbeuter - auch der Unternehmergeist der Sizilianer zum Aufstand gegen die Cosa Nostra geführt hat. Eine der populärsten Anti-Mafia-Bewegungen der Region ist zum Beispiel die Initiative "Addio Pizzo" ("Tschüss Schutzgeld"), die von einer Gruppe junger Menschen ins Leben gerufen wurde, als diese zusammen ein Restaurant aufmachen wollten - aber nicht bereit waren, den Mafiosi in die Tasche zu wirtschaften.
Und auch der Betreiber einer kleinen lokalen Radiostation bei Palermo schlägt durchaus Gewinn aus seinem aufklärerischen Tun: Weil er der einzige Sender ist, der rigoros und regelmäßig das Treiben der Cosa Nostra anprangert, verfügt er über eine enorme Popularität, die ihm wiederum hohe Werbeeinnahmen beschert. Eine Erfolgsgeschichte mit perfiden Begleiterscheinungen.
Aber durchtrennte Bremsleitungen und nachbarschaftliche Morddrohungen gehören nun mal zum Berufsrisiko eines jeden freien sizilianischen Unternehmers.
Arte-Themenabend "Kampf gegen die Mafia":
21.00 Uhr: "Gemeinsam gegen die Mafia"
21.55 Uhr: "Das dunkle Business der Ndrangheta"