Mahnmal-Streit Thierse greift Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde an
Berlin - In dem zweitseitigen Brief, den Wolfgang Thierse als Vorsitzender des Stiftungs-Kuratoriums unterzeichnet hat, heißt es: "Ihre Äußerungen diskreditieren deshalb das Kuratorium und seine Arbeit in einer Art und Weise, die ich nicht hinnehmen kann, und untergraben letztlich die öffentliche Glaubwürdigkeit des gesamten Denkmalprojekts."
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hatte am Montag in der "Berliner Zeitung" das Mahnmal als "Horror" bezeichnet. Auslöser des neuesten Streits war ein zuvor bekannt gewordenes Zitat des Mahnmal-Architekten Peter Eisenman gewesen, der in einer Kuratoriumssitzung als "Witz" seinen Zahnarzt mit der Äußerung zitiert hatte, Eisenmans Zahngoldfüllungen würden von der NS-Firma Degussa stammen. Um die Beteiligung der Firma an dem Anti-Graffiti-Schutz des Mahnmals hatte es Ende vergangenen Jahres einen heftigen Streit gegeben. Das Unternehmen hatte im Dritten Reich das Zyklon B für die Gaskammern hergestellt. Eisenman, selbst Jude, hat sich inzwischen für seine Äußerung entschuldigt.
Dennoch schwelt der Streit weiter. Meyer hatte ihn zu Beginn der Woche durch öffentliche Äußerungen in der "Berliner Zeitung" verschärft: "Als Gemeindevorsitzender müsste ich eigentlich von Amts wegen im Stiftungskuratorium sitzen," wurde Meyer zitiert. Mit der Abgabe des Sitzes an seinen Vorgänger Alexander Brenner wolle er dokumentieren, "was ich von diesem Kuratorium halte". Diese "abschätzige Bemerkung" weise er "scharf zurück", heißt es nun im Schreiben Thierses vom 9. März, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.
Er habe Zweifel, ob Meyer den Bundestagsbeschluss von 1999 über die Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas tatsächlich respektiere, so der SPD-Politiker weiter. "Wenn mehr als vier Jahre später die Kritiker von einst mit immer wieder den gleichen Argumenten und den gleichen Vorschlägen in die Öffentlichkeit treten und auch jeden noch so unwürdigen Anlass für eine 'Grundsatzdebatte' nutzen, so scheint es mir mit dem Respekt vor einer getroffenen Entscheidung nicht so weit her zu sein", heißt es in dem Schreiben.
Zugleich stellt sich Thierse schützend vor den Architekten Eisenman: "Mehr als sich brieflich, öffentlich und auch persönlich zu entschuldigen, wie es Peter Eisenman getan hat, kann man eigentlich kaum verlangen."