Mailänder Haute Couture: Die Anti-Haider-Robe - DER SPIEGEL
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Mailänder Haute Couture Die Anti-Haider-Robe

Statt der obligatorischen Braut zum Abschluss seines Defilees schickte das Traditions-Modehaus Gattinoni eine Anti-Haider-Demonstration auf den Laufsteg. Die Modewelt sollte entzückt sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Transparenter können die Kleider nicht mehr werden und von Rüschenorgien bis zum poor-look ist alles schon mehrfach da gewesen. Noch macht das gemeine Mode-Volk das zyklische Auf- und Ab der Säume mit. Aber die Künstler der Zunft beginnen sich zu langweilen. Wolfgang Joop überlegte kurzzeitig, Politik für die Bessergekleideten zu machen, Paco Rabanne war übersensibel und knüpfte an seinen Abschied von der Haute Couture die apokalyptische Weissagung, zur Sonnenfinsternis würde die russische Raumstation Mir vom Himmel geradewegs auf Paris fallen. Das traf zwar nicht ein, doch Rabanne hatte, feinnervig, die Zeichen der Zeit erkannt: Die Mode von heute greift gesellschaftliche Ängste auf.

Ein Meister der neuen Richtung ist Guillermo Mariotto. Der 30-Jährige ist beim römischen Traditionsmodehaus Gattinoni angestellt, das saudi-arabische Prinzessinnen mit Hochzeitskleidern ausstattet und einst Audrey Hepburn und Ingrid Bergman einkleidete. Doch als der gediegene Name drohte, ins Biedere zu rutschen, wurde Mariotto geholt, Ruf und Design aufzufrischen. Er tat das mit so viel Erfolg, dass Gattinonis Haute-Couture-Schau von Rom nach Mailand zog. Das Geheimnis: Mariotto webt den Small Talk in die Mode.

Während andere Modemacher versuchen, durch breitere Schulterpolster Frauen in die Chefetagen zu verhelfen, präsentiert er optische Statements zur politischen Lage. Als vergangenes Jahr die Euro-Hysterie um sich griff, machte er ausgiebig Gebrauch von der neuen Währung und schmückte seine kostspieligen Roben verschwenderisch mit dem zukünftigen Euro-Geld. Auch das Partythema Viagra machte er zum Kleid. Die Übernahme-Schlacht um Gucci, bei der viele der Untergang der italienischen Modebranche fürchteten, inspirierte ihn zu einer weiteren Kreation mit aktuellem Bezug: Auf ein auslandendes T-Shirt amerikanischer Schnittart druckte er: "Made in Italy - zu verkaufen". Er hat sich erinnert, dass die 3000-Marks-Kleider von ihren Besitzerinnen ohnehin nur einmal getragen werden, weil sie meist nach dem Event dutzendfach abgebildet sind in den Klatsch- und Modeblättern der Welt. Folgerichtiger Gedanke: Die Mode muss schneller werden. Schluss mit nur halbjährlichen Sommer- und Winterkollektionen! Hier kommt der tagesaktuelle Dress!

Mariotto schneiderte aus dieser Erkenntnis ein geschmackloses Statement zum Österreich-Boykott. Seine Anti-Haider-Robe ist so plakativ wie FPÖ-Wahlkampfplakate und mit seiner Hakenkreuz-Fahne so erschreckend wie viele von Haiders angeblich nie so gesagten Sätzen. Doch wir sind Guillermo Mariotto dankbar für diese Kreation, die er anstelle eines Hochzeitskleides bei seiner Herbst-/Winter-Schau präsentierte. Denn endlich darf man wieder die in der Haute Couture verbotene Frage stellen: "Wer bitte, soll das tragen?"

Denn jetzt gibt es eine Antwort. Das Anti-Haider-Kleid ist wie geschaffen für Claudia Cardinale, die nach der Österreich-Wahl ihre Teilnahme am Wiener Opernball absagte. Sie könnte zur Vorreiterin der EU werden, die statt einen Überreaktions-Boykott aufrecht zu erhalten, hingeht und kämpft. Mit einem Kleid, welche Waffe! Einen Abend in dieser Robe auszuhalten, dazu gehört mehr Mode-Mut, als zu den ausgefallensten Galliano-Kreationen. Die Cardinale wäre ein wandelndes Manifest. Und nebenbei könnte sie noch die alljährlichen Anti-Opernball-Demonstranten in den Schatten stellen.

Modehistorisch gesehen ist Gattinonis Anti-Haider-Robe natürlich doch nur eine Wiederkehr. Wir erinnern uns: Auch in den 80ern war man dressed to protest, trug seine politische Gesinnung an der Kleidung. Damals steckten "Stoppt Strauß"-Buttons an Jackenkragen.

Bettina Koch