Möbeldesign-Schau: Vase aus dem Drucker
Möbeldesign-Schau Wir kneten uns 'nen Hocker
Gäbe es Neues in Sachen Möbeldesign bei den großen Herstellern, so hätte man es im gerade zu Ende gegangenen Salone Internazionale del Mobile in Mailand gesehen. Aber in diesem Jahr waren es "nur" einfach schöne Möbel, edel, teuer und wirklich repräsentativ, dazu eine Menge Gold- und Marmor-imitierender Luxuskitsch für die neue reiche Kundschaft aus Russland oder Asien.
Da blieb nur eins: raus aus den Messehallen, ab nach Lambrate, einem Viertel Mailands mit vielen leeren Industriehallen, wo der Nachwuchs seine Ideen von neuem Design präsentiert. Und die sind erstaunlich modern. Weil sie auf die Bedürfnisse junger Konsumenten eingehen, deren Möbel Umzüge in Do-it-yourself-Manier mitmachen und daher flexibel sein müssen. Oder weil sie auf erstaunlich einfache Art auf knappere Ressourcen, die Idee der Nachhaltigkeit und hohe Preise reagieren, wie es die Studentinnen der Rotterdamer Willem de Kooning Academy im Projekt "Research by Making" vorführen. Sie formen aus lebensmittelgefärbten Salzteigwürsten Wegwerfschalen oder falten aus Pappe eine haltbare und schöne Lunchbox.
Eine Lampe, so kurvig wie verschlungene Schlangen
Auch ihre Kommilitonen der dänischen Kolding School of Design präsentieren ihre Ideen in Containern. Carl Emil Jacobsen, 25, ( www.carlemiljacobsen.com ) hat Wände und Boden mit einem blauen Teppich beklebt, auf den Umrissen von Tisch, Hocker und Regal gedruckt sind, die sich dann auch tatsächlich aus der Wand ausklappen lassen. Viele andere Hochschulen präsentieren eher ihre Entwurfs-Herangehensweise, während die Kassler Studenten produktionsreife Entwürfe zeigen. Wie man Ton nur mit einer Lochschablone in Gefäßform bringt, zeigt Chuana Mahlendorf, die sich auch mit dem Material Kupfer befasst hat, und es jetzt als Henkel an Gläser annietet.
Aus Aluminium, das billig und leicht ist, hat der Chilene Sebastian Rozas mit seiner Designgruppe "great thing to people projects" eine Lampe entworfen. Er stanzt flache Aluminiumstreifen nach einem Programm so vor, dass man sie einfach nur an vorgegebenen Stellen umknickt und zu einer großen Struktur verbinden kann. An ein Archipel sollte der Entwurf erinnern, sagt Rozas, und die dynamische Form von Vilu Light large käme von einer chilenischen Sage, in der zwei Schlangen miteinander kämpften, weil die eine das Land unter Wasser versenken will. Eine Lampe, so kurvig wie verschlungene Schlangenleiber, hängt direkt neben Rozas, zwei andere bei der jungen Designagentur Den Herder Production House, die gleich am Eingang der alten Ventura Lagerhalle auf einer Bühne neue Produkte junger Designer zeigt.
Leitern als Lampen und Stühle mit Knete-Beinen
Zwei von der Decke hängende aufgeklappte Lichter-Leitern von Bertjan Pot beleuchten die Inszenierung. Acht oder sechs Tritte haben sie, sind mit unzähligen kleinen Glühbirnen besetzt und zeigen mit der Spitze nach unten. Ein Entwurf von Pot ist auch "Disco Dome", eine Stehlampe auf drei Beinen, die an große Fotolampen und Disco-Kugeln erinnert, denn sie ist innen völlig mit glitzernden Spiegelstücken ausgelegt. Trotz des Glanzes auf der Bühne fallen die bunten Möbel von Maarten Baas, 34, sofort ins Auge. Weil sie aussehen wie aus Knete, so weich und mit Fingern geformt, als würden die Beine der Hocker und Stühle gleich nachgeben. Aber sie halten, und was wie Knete aussieht, ist ein synthetischer Ton, der den Metall-Kern verbirgt. Mit den Händen sind sie übrigens wirklich geformt, und so sieht kein Möbel wie das andere aus. Baas gilt als Star in der Designszene, seit er für seine Diplomarbeit "Smoke" alte Möbel mit dem Gasbrenner ankokelte, bis sie pechschwarz und rissig wurden, dann überzog er sie mit Expoxyharz und gab ihnen schwarzen Lederpolster. Erfolg hat Baas auch mit seinen folgenden Entwürfen, die immer noch besser nach Lambrate als in die Messehallen passen.
Erfolg könnte auch die Israelin Moran Barmaper, 26, mit ihrem Hocker "Puff DIY stool" haben. Im Paket werden drei Beine und eine runde Metallscheibe geliefert, die zusammengesteckt werden. Dann pumpt man mit einer normalen Fahrradpumpe die Scheibe auf, bis sie sich rund wölbt.
Andere junge Designer wie "Soundplotter" zeigen zum Beispiel Konzepte für eine 3-D-geprintete Vase; Daishu Ma & Marc Nicolau brennen hockergroße Scheiben aus Sand, Wasser und einem Keramik-Zuschlag, die sich mittels eines Holzes zu langen frostfesten Bänken auffädeln lassen. Auf ihr billiges Material kamen sie in China, wo sie gerade leben und ihre Sandmöbel produzieren. Auch die Mini Fireplaces "Faro" für draußen und drinnen des Portugiesen Rui Pereira sind aus Ton. Seine Kleinmöbel fürs Bad stellt er aus heimischem Kork her.
Nicht nur was und wie man produziert, ist für viele junge Designer wichtig, sondern auch wo man die Produkte herstellt - nämlich dort, wo es noch handwerkliches Können und Lust am Experimentieren gibt. Zum Beispiel in Slowenien, wo die junge Architektin Tina Rugelj ihre schlichten Beton-Möbel produziert, die an alte Eternit-Entwürfe erinnern.