Maischberger Rockzipfel statt Schock-Gipfel
Einfach ist es nicht, über den Gipfel von Heiligendamm zu berichten, ohne auf der Stelle zu treten und die Geschichten vom Vortag aufzuwärmen. Aus Mangel an wirklichen News schilderten die Reporter gestern ihre Arbeitsbedingungen im Pressezentrum von Kühlungsborn, wo sie zwar vor Ort, aber weit vom Schuss und auf die amtlichen Kommuniqués der Veranstalter angewiesen sind, die sie nur noch umschreiben müssen.
Das Aktuellste, was es im Zusammenhang mit dem G-8-Treffen zu berichten gab, war die glückliche Landung des US-Präsidenten auf dem Regionalflughafen von Rostock-Laage, wo er zur großen Enttäuschung der Reporter nur kurz verweilte, weil er früh ins Bett wollte.
Gott sei Dank fand parallel dazu noch ein "Jugendgipfel" statt, dessen Teilnehmer die Schulen schwänzten, um von der Bundeskanzlerin empfangen zu werden. Die hatte, obwohl erkennbar voll im Stress, tatsächlich Zeit, die aus der halben Welt angereisten Kids zu begrüßen und sich deren Vorschläge für eine gerechte Welt, eine Globalisierung mit menschlichem Antlitz anzuhören. Älteren Zuschauern kam die Szene bekannt vor auch Erich Honecker ließ es sich weiland nicht nehmen, die Teilnehmer der "Weltjugendtreffen" persönlich willkommen zu heißen und mit ihnen für die "aktuelle kamera" des DDR-Fernsehens zu plaudern.
Einfach umständlich
Bei so viel Vollgas im Leerlauf klang das Thema, das Sandra Maischberger am späten Abend behandeln wollte, vielversprechend: "Die Weltregierung der Frauen". Als wäre Lysistrata auferstanden und hätte ihre Schwestern in Athen und Sparta dazu aufgerufen, sich ihren Männern so lange zu verweigern, bis diese aufhörten, sich gegenseitig zu erschlagen.
Was zur Zeit des Peloponnesischen Krieges eine gute Idee war, könnte auch heute funktionieren. Es käme zumindest auf einen Versuch an. Aber dazu kam es nicht. Denn mit den acht Frauen, die Maischberger eingeladen hatte, war die Sendung zwar "rekordverdächtig", blieb aber ansonsten im Rahmen des Üblichen: Warum Frauen in der Politik unterrepräsentiert sind, warum die Männer die Frauen nicht dran lassen und warum es für Frauen so schwierig ist, Familienleben mit Beruf zu verbinden. Talk-Business as usual.
Die einfachste Antwort auf alle diese Fragen wäre gewesen: Weil es am Ende immer noch Frauen sind, die Kinder bekommen, und weil keine Gleichstellungsbeauftragte etwas an der Tatsache ändern kann, dass der männliche Beitrag zur Fortpflanzung den Männern mehr Zeit für gesellschaftliche Aktivitäten lässt als den Frauen. Aber das wäre zu einfach gewesen. Also wurde mal wieder stellvertretend über die Lage der Frauen in der Gesellschaft diskutiert.
Internationale des Verdrusses
Hella Pick, die dienstälteste englische Journalistin, beschrieb die Frau von Tony Blair als "geldgierig"; Melinda Crane, eine in Berlin lebende US-Amerikanerin, befand, "Amerika wäre reif für eine Präsidentin". Die italienische Verlegerswitwe, Inge Feltrinelli, klagte über den "Machismo" der italienischen Männer und die "Vulgarisation" der italienischen Gesellschaft, für die allein Berlusconi verantwortlich wäre.
Nathalie, die ansonsten stumme Beisitzerin von Harald Schmidt, outete sich als Sozialistin und Gegnerin von Nicolas Sarkozy, war aber dennoch von der "Ausstrahlung" der deutschen Kanzlerin angetan: "Sie ist ehrlich, das macht sie schöner." Während Hildegard Hamm-Brücher forderte: "Merkel muss mehr Linie zeigen."
Die japanische Professorin Michiko Mae, die an der Düsseldorfer Uni über "das moderne Japan" unterrichtet, erklärte die japanische Erbfolge und den Begriff "liegengebliebene Weihnachtstorte" der auf Frauen zielt, die mit 24, 25 Jahren noch nicht verheiratet sind.
Eine kanadische Kommunikationsexpertin nahm an der Diskussion vor allem schweigend teil und eine russische Journalistin, die bei einem Berliner Russen-Radio als Moderatorin arbeitet, wollte trotz der Doppelbelastung als Mutter und berufstätige Frau keine Emanze sein: "Ich bin nicht emanzipiert, ich lasse mir gerne in den Mantel helfen." Die meisten russischen Frauen würden "ihre Rolle in der Familie" sehen.
Gipfelstürmer Mann
Zwischendurch versuchte Maischberger immer wieder, die Diskussion auf die zentrale Frage zu lenken, "ob die Welt eine bessere wäre, wenn Frauen regieren würden", was ihr aber nicht gelang, denn über allem schwebte der G-8-Gipfel von Heiligendamm, der, wie Melinda Crane versprach, "nicht ganz sinnlos und vergeblich" wäre, obwohl er von Männern dominiert würde. Und während die russische Moderatorin versicherte, von Russland und Putin ginge "keine Gefahr" aus, hatte Inge Feltrinelli schon eine Bitte an den nächsten US-Präsidenten: der sollte "Guantanamo ausrotten", wobei unklar blieb, ob sie das Lager auf Kuba oder dessen Insassen meinte.
So plauderte frau hin und her, wie bei "Blond am Freitag" im ZDF, nur doppelt so lange, mit einer im Durchschnitt etwas älteren Besetzung und weniger Pointen.
Zwar blieb die Frage unbeantwortet, ob die Welt eine bessere wäre, wenn Frauen regieren würden, dafür wurde nach etwa 150 gefühlten Minuten überzeugend klar, dass eine Diskussion nicht spannender wird, wenn an ihr nur Frauen teilnehmen.