Man Ray Instinktiver Dadaist
Es war helllichter Tag, als im Jahre 1958 Pariser Studenten vor der Galerie Rive Gauche das Feuer eröffneten. Zur Strecke bringen wollten sie einen längst in die Tage gekommenen Feind, der über dreißig Jahre zuvor die spießige Kunstwelt in Europa zur Weißglut getrieben hatte - den Dadaismus. Der Legende zufolge fielen dem Terrorakt zwei Werke des amerikanischen Dadaisten und Surrealisten Man Ray zum Opfer. Das Objekt "Boardwalk" von 1917 wurde von Pistolenkugeln durchlöchert. Ein anderes Stück mit dem unseligen Titel "Object To Be Destroyed" (1923) fand ein schnelles Ende unter den Hieben der wütenden Protestler.
Man Ray liebte es pragmatisch: Er befestigte erneut in surrealistischer Manier das Bild eines Auges am Pendel eines Metronoms und nannte die Replik unmissverständlich "Indestructible Object". Heute befindet sich eine Version davon in den Händen des Mailänders Giorgio Marconi, der seit 1968 eine der weltweit größten Man-Ray-Sammlungen zusammengetragen hat.
Über 900 Fotografien, Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Objekte aus diesem Fundus zeigt die Schirn Kunsthalle in Frankfurt, die sich damit rühmt, die bislang größte deutsche Retrospektive des 1890 in Philadelphia geborenen und 1921 nach Paris ausgewanderten Künstlers Man Ray auf die Beine gestellt zu haben.
Berühmt geworden ist der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, der eigentlich Emmanuel Rudnitzky hieß, durch seine fotografischen Porträts der Pariser Avantgarde der zwanziger und dreißiger Jahre. Wie ein wahres Who is Who der damaligen Künstlerelite liest sich die Liste der von ihm Porträtierten. Kein Wunder, denn "um dazuzugehören, brauchte man ein Foto von Man Ray", weiß der Sammler Marconi zu berichten. "Dazu" gehörten demnach Marcel Duchamp, Pablo Picasso, Francis Picabia, Alberto Giacometti, Max Ernst, Jean Cocteau, Eric Satie, André Breton und unzählige andere.
Auch die Reichen und Schönen rissen sich darum, von Man Ray abgelichtet zu werden - und waren selbst dann noch begeistert, wenn die Aufnahmen völlig in die Hose gingen. Das verhunzte Foto der schrillen Marquise Casati - unscharf und verwackelt bis zur Unkenntlichkeit - zeigte drei Paar Augen untereinander und sollte sofort nach der Entwicklung in den Papierkorb. Aber die betuchte Exzentrikerin bettelte um einen Abzug und war überwältigt. Nichts Geringeres als ein "Porträt ihrer Seele" habe der große Meister geschaffen, schmachtete sie ergriffen. Mit diesem historischen Stoßseufzer verhalf sie Man Ray zu einer steilen Karriere als Porträtist der feinen Gesellschaft.
Der Lebemann Man Ray aber fotografierte am liebsten hübsche Lebefrauen. Die schöne Sängerin Kiki vom Montparnasse, seine langjährige Geliebte, knipste er von hinten, verpasste dem Rückenakt à la Ingres zwei Violinöffnungen und schuf damit 1924 das wohl bekannteste Surrealistenfoto: "Le violon d'Ingres".
Man Ray gilt bis heute als unbestrittener Meister der surrealistisch-rätselhaften Verfremdung. Über ein makelloses Frauengesicht etwa kullern paradoxerweise gläserne Tränen, die "keinerlei Gefühl ausdrücken", so Man Ray über das um 1930 entstandene "The Tears". In "Noire et blanche" (1926) postierte er neben Kikis schlafendes Marmorgesicht die schwarze Maske einer afrikanischen Skulptur und löste die beiden Objekte gespenstisch aus ihrem realen Kontext.
Der begnadete Fotograf aber hatte zeitlebens ein echtes Problem. Er wollte schon als Kind Maler werden. Zu diesem "überaus edlen Zweck", so eine späte Beichte des Künstlers, klaute der junge Besessene wie ein Rabe von Ölfarben bis hin zu farbiger Tinte alles, was ihm in die Finger fiel.
Gebracht hat das dem "zweiten Leonardo da Vinci", wie er sich selbst feierte, wenig. Wenn die Kunstkritik seine Malerei überhaupt zur Kenntnis nahm, dann oft in vernichtendem Verriss. Als "Kretin" und "Drogensüchtiger" beschimpfte ihn schon früh ein erbitterter Kritiker, und bis heute werden die Gemälde und Zeichnungen, nicht zu unrecht, als Marginalien behandelt.
Aber was dem Maler an Anerkennung schmerzlich versagt blieb, wurde dem "Rayographen" Man Ray überreichlich zuteil. Rayographieren, das ist, nach Man Ray, Fotografieren ohne Kamera. Er ordnete Kämme, Zimmerschlüssel und andere banale Dinge auf lichtempfindlichem Fotopapier an, welches er dann belichtete. Die merkwürdig verzerrten und gebrochenen Bilder wurden in der Dadaisten-Szene sofort als "Dada-Fotografien" bejubelt. Immer noch gelten sie als diejenige Werkgruppe, die Man Rays künstlerischen Durchbruch markiert.
Maler oder Fotograf - derart strenge Klassifizierungen waren dem Multitalent fern. "Ich male, was nicht zu fotografieren ist und fotografiere, was ich nicht malen möchte", so die pragmatische These des 1976 gestorbenen "Dadaisten aus Instinkt", der die Diskussionen um die Rangfolge der Gattungen schon vor Jahrzehnten einfach leid war.
"Man Ray. Bilder, Photos, Objekte", Schirn Kunsthalle Frankfurt , 28. Mai bis 30. Juli 2000.