Mauer-Bilder in Berlin: "Eine Alibiveranstaltung" - DER SPIEGEL
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Mauer-Bilder in Berlin "Eine Alibiveranstaltung"

Seit Jahren tobt der Streit um eine angemessene Gedenkstätte für die Berliner Mauer. Mit einer nüchternen Bauzaun-Galerie am Checkpoint Charlie will der Senat nun den Eindruck des Handelns erwecken. Kritiker finden das Provisorium halbherzig und zu wenig emotional.
Von Moritz Küpper
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Das weiße Tuch zeigt sich widerspenstig. "Kräftig ziehen", ruft einer aus der Menschenmasse. Thomas Flierl bemüht sich, er reißt heftig - und hat Erfolg. Der Stoff gibt nach, die "Bildergalerie zur Mauergeschichte" am legendären Checkpoint Charlie in Berlins Friedrichstraße ist offiziell eröffnet. "Hier wurde Weltgeschichte geschrieben", sagt Berlins Kultursenator. Neben ihm steht der Kulturattaché der Amerikanischen Botschaft, Roy Weatherston. Flierl schwärmt, mit der Ausstellung auf privatem Grund betrete Berlin Neuland. Der Politiker der Linkspartei äußert die Hoffnung, "nach 15 Jahren der Diskussion, Erörterung und Konzeption" endlich einen zumindest vorläufigen Schlussstrich unter die ewige Debatte ziehen zu können.

Doch diese Hoffnung ist schon am Tag der Eröffnung zerstört: Demonstranten haben sich an der Friedrichstraße eingefunden, um gegen die auf drei Jahre angelegte, 200.000 Euro teure Ausstellung zu protestieren. Sie ist Teil des Senatskonzepts zum Gedenken an die Berliner Mauer, das an vier Orten in der Stadt verwirklicht werden soll. Um den Standort am früheren Ost-West-Grenzübergang Checkpoint Charlie tobt seit Jahren eine heftige, ideologisch geführte Debatte: Während die Demonstranten eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Herrschaft fordern, will der Berliner Senat eher die "weltpolitischen Bezüge des Ortes" in den Vordergrund stellen, wie Flierl betont.

"Bretterschau ist ein Hohn"

Zahlreiche Touristen strömen um den 300 Meter langen Bauzaun, auf dem 175 Bilder, Skizzen und Kommentare die Geschichte des Baus der Mauer und deren Fall zeigen. Die Tafeln verdecken den Blick auf die Brachfläche westlich und östlich des einstigen Grenzübergangs. Bis zu fünf Busse gleichzeitig stehen auf der Straße, bringen immer mehr Menschen an die Bildergalerie. Dargestellt sind der Mauerbau 1961, der Panzeraufmarsch der USA und der Sowjetunion im selben Jahr sowie einzelne Schicksale von Maueropfern wie Peter Fechtner, der 1962 nahe dem Checkpoint verblutete. Auch die internationalen Eckdaten des Kalten Krieges wie die Potsdamer Konferenz 1945 oder die Kuba-Krise werden erklärt.

Noch im vergangenen Jahr standen an gleicher Stelle 1065 schwarze Holzkreuze. Damit wollte die streitbare Chefin des Museums am Checkpoint Charlie, Alexandra Hildebrandt, an die Maueropfer erinnern. Die Installation sorgte monatelang für Schlagzeilen, wurde aber nach Ablauf des Pachtvertrags im Juli 2005 geräumt. Der neuen Dokumentation kann Hildebrandt nichts abgewinnen: "Diese Bretterschau ist ein Hohn. Sie soll eine Legitimation des Abrisses unseres Mauermahnmals sein", sagte sie bereits vor der Eröffnung. "Doch diese Fotos und Infos können die Mauerkreuze niemals ersetzen."

Hildebrandt ist mit ihrer Position nicht allein. "Das ist eine Alibiveranstaltung", sagt Rudolf Schröder, "diese Bilder sagen einfach nichts aus." Um Schröders Hals baumelt eine Kette mit drei Schlüsseln - aus den Stasi-Gefängnissen in Cottbus und Hohenschönhausen. Zwei Jahre und zehn Monate saß er dort ein, unter anderem wegen versuchter Republikflucht. "Mir fehlen die Emotionen." Rund 20.000 Unterschriften hatte er im vergangen Jahr für den Erhalt von Hildebrandts Installation gesammelt.

Provisorium für drei Jahre

Auch die Junge Union Berlins demonstriert ein wenig abseits des Trubels gegen den Bauzaun. "Das sind nüchterne Tafeln, die den Opfern der SED-Diktatur und der Geschichte der Stadt nicht gerecht werden", sagt Peter Raabe, Vorstand des JU-Landesverbandes. Er spricht von "Geschichtsklitterung und Verharmlosung" des rot-roten Senats. Kultursenator Flierl treffen die Vorwürfe nicht: "Die Große Koalition hat die Grundstücke 1993 verkauft", sagt er. "Diejenigen, die sich jetzt am meisten aufregen, waren selber daran beteiligt."

Die Touristen sind unterschiedlicher Meinung. "Bei mir kommen Erinnerungen an die damalige Zeit hoch", sagt David Rothstein aus Boston. "Ich brauche diese Informationen, um meine Gefühle wiederzuerwecken." Seit einer guten Stunde studiert er mit seiner Tochter Rebecca die Bilder und Texte. Auch Siegfried Weitlaner aus Tirol ist von der Installationen angetan: "Ich finde es sehr informativ", sagt er, "aber die Kreuze waren schon eindrucksvoller."

So umstrittenen die neue Installation ist: Klar ist auch, dass es sich bei dem Bauzaun um ein Provisorium handelt. "Die Bildertafeln haben eine Haltezeit von drei Jahren", sagt Flierl. "Wir wollen, dass die Brachflächen bebaut werden. Das ist im Interesse Berlins." Der Grundstückseigentümer, die Bank AG Hamm, sucht seit Jahren vergeblich nach einem Investor. Wenn der gefunden sei, müsse man über die Integration der Gedenkfläche in den Neubau verhandeln, so Flierl.