Mauerfall-Stück: "Mit Ach und Krach 'n Aldi" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mauerfall-Stück "Mit Ach und Krach 'n Aldi"

Realitätsrausch im deutschen Theater: Seine Stars sind echte Arbeitslose und Migranten. Das St. Pauli Theater bringt nun eine SPIEGEL-Reportage auf die Bühne - eine Reise in die Wirklichkeit nach der Wiedervereinigung.
Theaterintendant und Regisseur Ulrich Waller: Der geile Osten
Theaterintendant und Regisseur Ulrich Waller: Der geile Osten

Theaterintendant und Regisseur Ulrich Waller: Der geile Osten

Foto: St. Pauli Theater
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klaus Pohl

Mitte der Neunziger war es, da bekrittelte der Schauspieler und Dramatiker und Regisseur in einem Interview die Spielpläne der deutschsprachigen Bühnen: "Eigentlich interessiert sich im Theater kaum jemand für die Wirklichkeit", sagte er damals und tadelte: "In diesem Subventionsloch versackt das, es werden nur noch Klassiker geplündert, und die Gegenwart wird ausgespart, weil das natürlich viel bequemer ist, sowohl für den Regisseur und die Schauspieler als auch für die Zuschauer."

Wie sich die Zeiten doch ändern: Heute, fast 15 Jahre später, ist die Wirklichkeit der Fetisch des deutschen Theaters, heute stehen allerorten reale Arbeitslose, reale Ghetto-Jugendliche und reale Migranten auf den Bühnen oder wenigstens Schauspieler, die reale Geschichten erzählen, und seien es ihre eigenen. Die deutschsprachigen Theater sind im Realitätsrausch, im Authentizitätswahn, im Gegenwartsfuror.

Da passt es also wunderbar, dass das Hamburger St. Pauli Theater dieser Tage das alte Pohl-Stück rauskramt, zu dessen Uraufführung er Mitte der Neunziger das oben zitierte Interview gab - und das er aus realen Gesprächen montiert hat: "Wartesaal Deutschland", eine Monologsammlung aus Ost und West, eine Dokumentation der Stimmen und Stimmungen im wiedervereinigten Deutschland.

Mit Bier vorm Buntfernseher

Der Theatertext, damals nominiert für den Mülheimer Dramatikerpreis, basiert auf der dreiteiligen SPIEGEL-Reportage "Planet Germany", für die Pohl im Mai 1994 drei Wochen durch Deutschland reiste und annähernd 60 Interviews führte. Die Leitfrage: "Was mögen Sie an Deutschland am liebsten?" "Das Bier", antwortete ein Obdachloser. "Den Buntfernseher", bekannte eine ältere Dame. "Dass man nun mit 18 den Führerschein machen kann", sagte ein junger Ober in Wernigerode. "Früher musste man zehn Jahre darauf warten. Und dann noch mal zehn Jahre auf 'n Auto!"

Pohl traf Menschen aus allen Schichten, aus Ost wie West: Putzfrau und Professor, Facharbeiter und Fachärztin, Malermeister und Bürgermeister. Den Rathauschef einer 6000-Seelen-Gemeinde im Osten ("Also, wir haben in Harzgerode gar nichts vom Kapitalismus. Außer mit Ach und Krach 'n Aldi.") zitierte er ebenso wie einen ostdeutschen Werder-Bremen-Anhänger ("Im Grunde hat sich nischt verändert. Bloß das gesellschaftliche System."). Und auch ein Versicherungskaufmann aus dem Westen, der im sächsischen Plauen eine Filiale seines Konzerns aufgebaut hatte, bekam Gelegenheit, sich selbst zu entlarven und über die Ostdeutschen beinahe wie über Wilde zu sprechen, denen er erst die richtige Körperpflege habe beibringen müssen. Verlassen habe er Plauen und den Osten schließlich, so erzählt es der Versicherungskaufmann, weil es in der Stadt nicht einen einzigen vernünftigen Italiener gegeben habe.

Aber ist das heute noch aktuell? Ist "Wartesaal Deutschland" nicht ein Zeitstück, längst historisch? Haben uns die Monologe, 15 Jahre nach der Reportage und 14 Jahre nach der Uraufführung, noch etwas zu erzählen?

Ulrich Waller

Unbedingt, glaubt , Chef des St. Pauli Theaters, der Pohls Stück nun noch einmal auf die Bühne bringt, ergänzt um Material, das Waller selbst einst für den NDR bei zwei Reisen durch den deutschen Osten gedreht hat ("Der geile Osten" 1990 und "Der unerwartete Osten" 1994). Bei den Proben habe das Team gemerkt, wie wenig sich verändert habe, sagt Waller nun: "Wir sind immer noch eine Generation, die in zwei Deutschlands denkt."

Das Stück biete zudem die Chance, im Jahr des Mauerfall-Jubiläums "noch einmal die Geburtsstunde dieses Landes nachzuvollziehen, die Momente der größten Veränderungen". Das gerade so angesagte Theater der Authentizität habe dabei gegenüber der Printreportage und der TV-Dokumentation durchaus einen Vorteil: "Im Theater sind die Zuschauer mit der Figur, die ihre Geschichte erzählt, in einem Raum."

Das Theater als Reise in die Wirklichkeit, live und direkt.


Wartesaal Deutschland: Vorpremiere 2. Oktober, Premiere 6. Oktober, weitere Aufführungen 7. bis 9., 13. bis 18., 30. und 31. Oktober, zudem 9. November, jeweils 20 Uhr, sonntags schon um 19 Uhr, im Hamburger St. Pauli Theater , Kartentel. 040/47 11 06 66.