Mauerfall-Theater: Du bist gefragt!
Mauerfall-Theater Du bist gefragt!
"Die Menschen", sagt Nina Gühlstorff, "haben keinen Bock mehr auf Podiumsdiskussionen zur Wende." Was sie sich wünschten, sei der persönliche Austausch. Gemeinsam mit Dorothea Schröder gibt Gühlstorff ihnen nun die Gelegenheit dazu: In Jena haben sich die beiden Theaterregisseurinnen auf die Suche gemacht nach den Spuren der Demonstrationen von 1989, haben rund 40 Zeitzeugen interviewt und dieses Material in eines jener dokumentarischen Stadtprojekte gegossen, die zur Zeit so in Mode sind.
Jena war neben Leipzig eine der bedeutendsten Städte im Wendeprozess: Die Reformkräfte trafen sich in Kirchen, Hauszirkeln und Kommunen; sie diskutierten, druckten Flugblätter und veranstalteten Rockkonzerte; einige wenige versuchten auch, einen "Dritten Weg" zwischen Sozialismus und Kapitalismus zu entwerfen, "irgendwas zwischen Christus und Bakunin", wie es einer der damaligen Aktivisten sagt.
Nostalgie ist nicht gewünscht
"Der Dritte Weg" heißt denn auch das Dokumentarprojekt, mit dem Untertitel "Eine theatrale Demonstration". Gühlstorff und Schröder geht es nicht darum, die Jenaer Wendehistorie chronologisch nachzuerzählen oder gar objektiv. Sie wollen subjektiv erlebte Geschichte dokumentieren - und sie für die Gegenwart fruchtbar machen. "Wir wollen nicht nostalgisch werden", sagt Schröder, "wir legen den Fokus auf das Potential von '89."
Die Aussagen der Zeitzeugen haben die Regisseurinnen eins zu eins übernommen, nur leicht verdichtet. Dafür ausgewählt hätten sie "nicht unbedingt die inhaltlich besten Interviews", berichtet Schröder, "sondern die Interviews mit einer theatralen Qualität". Pausen und Versprecher etwa sind oft aussagekräftiger als schlaue Sätze.
Die großen Textstücke lassen die Regisseurinnen von professionellen Schauspielern nachsprechen, aber auch einige Zeitzeugen sind live beteiligt an dem etwa drei Stunden dauernden Theaterabend, der aus passiven Zuschauern Akteure machen soll: "Wir erwarten einiges von ihnen", sagt Schröder. "Berieseln lassen sollten sie sich nicht."
Die Besucher sollen Parolen skandieren
Konzipiert ist der Abend nicht als Bühnenstück an festem Ort, sondern als Rundgang: Los geht's an der Stadtkirche, die für Jena in der Wendezeit eine ähnliche Rolle gespielt hat wie die Nikolaikirche für Leipzig. Reden werden gehalten und wahre Geschichten erzählt, einige der Besucher bekommen unbeschriftete Transparente in die Hand gedrückt, über eine fingierte 20-Jahre-Mauerfall-Feier in der Uni-Aula geht's weiter in die Junge Gemeinde Stadtmitte, einst das oppositionelle Zentrum Jenas. In Eins-zu-Eins-Tischgesprächen gibt es dort die Möglichkeit, den Zeitzeugen persönlich zu begegnen. Wieder draußen, können die Besucher die Transparente mit Parolen besprühen, welche auch immer sie wollen, und diese Parolen dann bei einem Demonstrationszug zum Theaterhaus skandieren. Dort warten kurze Workshops, etwa zu Sitzblockadetechniken oder der Frage, wie sich Datenspuren im Internet vermeiden lassen.
"Es ist uns wichtig, dass das Projekt in der Gegenwart ankommt", sagt Gühlstorff, denn die Wendejahre seien für Jena als positive Traditionslinie nutzbar. Die mögliche Lehre des Abends: Du bist gefragt! Du kannst was tun!
Entscheidend dabei ist, dass die Besucher auch schon während des Rundgangs gefragt sind: etwa als interessierte Fragesteller bei den Eins-zu-eins-Gesprächen oder als leidenschaftliche Parolenschreier bei der Demonstration. "Das Publikum ist selbst ein wenig verantwortlich dafür, einen guten Abend zu haben", sagt Gühlstorff. Das sei ähnlich wie bei einer Party: Auch da sorgt ein Gastgeber nur für die Rahmenbedingungen.
Plaudern und tanzen müssen die Gäste selbst.
"Der Dritte Weg. Eine theatrale Demonstration": Öffentliche Generalprobe 27. Oktober, Uraufführung 28. Oktober, weitere Aufführungen 29., 30., 31. Oktober, 4. und 15. November, jeweils 19 Uhr, Treffpunkt Stadtkirche, Dokumentarprojekt des Theaterhauses Jena , Kartentelefon 03641/8869-44.