Max-Beckmann-Ausstellung Nackte Vorführung
Weit aufgerissen der Mund, die Wangen übersät mit kurvigen Linien, der Kopf ohne Hals: Max Beckmann war 17, als er sich in jener Pose dargestellt hat, die stark an das berühmte Bild "Der Schrei" von Edvard Munch erinnert. Mit dem Unterschied, dass seinem Blick jede Not zu fehlen scheint. Noch. Das änderte sich aber bald. Denn nicht um eitle Selbstbespiegelung geht es dem Künstler in seinen Selbstporträts, sondern immer spiegeln sich darin auch die Zeitläufe: die Erschütterungen durch den Ersten Weltkrieg, seine Flucht aus dem Nazi-Deutschland einen Tag nach der Eröffnung des "Hauses der deutschen Kunst" 1937, die Jahre im Amsterdamer Exil.
Eine fast qualvolle Lust an der Erforschung des eigenen Ichs dokumentieren die rund hundert Zeichnungen, Aquarelle, Lithografien, Radierungen und Holzschnitte, die in ihrer chronologischen Hängung wie ein großes Tagebuch wirken und derzeit in der Neuen Pinakothek in München gezeigt werden. Sie stammen aus der Zeit von 1900 bis 1950 und offenbaren Max Beckmann vor allem als lakonischen Figurenregisseur und sachlichen Wahrheitssucher. Mal ist er als Dandy mit Hut und verschatteten Augen oder als Träumer vorm sternenfunkelnden Nachthimmel zu sehen, dann wieder als gekrümmtes Fleischbündel bei der Musterung zum Kriegsdienst, als Raucher mit finsterem Charakterkopf oder als Bordellbesucher mit kantigem Kinn und grüblerischer Stirnfalte.
Immer wieder schlüpft er in Rollen, um das "Mysterium des Seins" sichtbar zu machen. Besonders gerne wählt er die Figuren des Zirkusdirektors und des Narren, oft ist er aber auch Odysseus, Faust, Mephisto oder der Seher der Apokalypse. Ein aus den Fugen geratenes Welttheater spiegelt sich in diesen Arbeiten, die in ihrer expressionistischen Strichführung und zunehmenden Verknappung des Bildaufbaus viel erhellen und viel verrätseln. Doch wenn er alle Masken fallen lässt, dann geht es um die nackte Vorführung des unverstellten Ichs. Das sei für ihn, so sagte er einmal, "das größte und verschleiertste Geheimnis der Welt".
Sehenswert ist diese nahezu lückenlose Bestandsaufnahme der Selbstporträts auch deshalb, weil die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die über eine der größten Sammlungen an Max-Beckmann-Gemälden verfügen, parallel zu den Selbstbildnissen in der Neuen Pinakothek eine Schau mit 21 Beckmann-Werken in der Alten Pinakothek präsentieren.
"Max Beckmann. Selbstbildnisse in Zeichnung und Druckgrafik": Neue Pinakothek, München, bis 28.1.2001