Maybrit Illner Planlos in die Geisterstunde
Frau Illner hat Oskar Lafontaine zu Gast. Fünf Wochen nach der Wahl im Lande Hessen, drei Wochen nach dem Umfaller des Genossen Kurt Beck in Sachen Linkspartei, zwei Tage nachdem sich SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti für linke Stimmen entschieden hat, am Tag, als bekannt wurde, dass eine SPD-Abgeordnete ihre Vorsitzende in diesem Fall nicht mitwählen würde. Das kann ja heiter werden. Wird es aber nicht.
Das Thema ist erst einmal vielversprechend: "Linke oder Manager wer ist gefährlicher für die soziale Marktwirtschaft?" Das kann man werktags, um elf Uhr abends vielleicht nicht mehr so genau wissen. Möglicherweise ist dies auch nicht als Entweder-oder-Frage zu verstehen.
Sei's drum. Illner bietet Lafontaine auf. Prima. Dann aber gesellt ihm die Redaktion keinen Vertreter der SPD zur Seite, jener Partei, die er doch zum Hauptgegner gemacht hat. Etwa den tapferen "Seeheimer" Johannes Kahrs, den hätte man sich als Konterpart gewünscht. Stattdessen darf CDU-Frau Hildegard Müller neben ihm Platz nehmen. Sie war mal JU-Chefin, heute ist sie "enge Merkel-Vertraute" (Illner). Gegenüber sitzt Michael Sommer, DGB-Boss mit dem Charme eines Busfahrers der Berliner Verkehrsgesellschaft.
Der Mann ist auch SPD-Mitglied als welches ihn Illner gleich mal was fragen will. Wegen Kurt Beck und so, der Öffnung zur Linken. Aber nein, Herr Sommer ist donnerstags um 23.08 Uhr kein Genosse: "Was ich als SPD-Mitglied zu sagen habe, das sage ich in meinem Berliner Ortsverein." Er hätte jetzt auch sagen können: "Wenn Se keen Kleinjeld haben, können Se och keenen Fahrschein koofen."
Wenn der Rote schwarz sieht
Also muss sich das Fernseh-Publikum auf die Kraft der deutschen Wirtschaft verlassen. Der BDI-Präsident Jürgen Thumann sitzt gleich rechts von Illner, Aug' in Aug' mit dem roten Oskar. Nur: Es dauert bis kurz vor Mitternacht, bis zur Geisterstunde, um Kapitalismus und Sozialismus im Klassenkampf aufeinander prallen zu lassen.
BDI-Thumann lehnt sich zurück, visiert sein Gegenüber an und erklärt, warum er als Unternehmer keine Angst hat vor rot-rot-grünen Regierungen: Wenn Linke-Lafontaine nämlich tatsächlich einmal in Verantwortung käme, "dann gibt er sie sehr schnell wieder ab, da habe ich keine Sorgen". Gemurmel im Studio-Publikum. Das trifft: Lafontaine warf hasenfüßig nach wenigen Monaten im Amt im März 1999 als Bundesfinanzminister hin.
Der katholische Linke kontert mit der dreifachen Anrufung des höheren, verehrten Wesens: "Ach Gott, ach Gott, ach Gott." Er habe doch zehn Jahre als Oberbürgermeister in Saarbrücken gewirkt, dann 13 Jahre als Ministerpräsident und mehrfach absolute Mehrheiten erreicht: "Sie müssen sich einmal abgewöhnen, öffentliche Ämter gering zu schätzen.
Flirt mit der Floskel
Und sonst? Frau Müller sagt, die soziale Marktwirtschaft funktioniere, man solle da mehr über die Erfolge sprechen, weil zuletzt eine Million Arbeitsplätze geschaffen worden seien. Gut, korrekte Aussage, kennen wir.
Herr Thumann betont, es sei das Sozialste, Arbeitsplätze zu schaffen. Schöne Floskel, steht im Talkshow-Handbuch für Unternehmer und FDP-Diskutanten. Herr Sommer meint, dass die soziale Marktwirtschaft nicht so prima funktioniere, weil ja mancher Boss das 270-fache vom Angestellten verdiene, die soziale Schere immer weiter auseinander gehe. Völlig richtig.
Herr Thumann warnt dann vor "Generalverdacht" gegen Manager. Herr Sommer weist zu Recht darauf hin, dass die gestiegenen Managergehälter nichts mit Leistung zu tun haben und die Löhne der Arbeitnehmer gesunken seien. Herr Lafontaine wiegt bedächtig den geröteten Kopf.
Über floskelhafte Diagnose aber kommt keiner der Vier hinaus. Was will die Große Koalition tun, um die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit zu beantworten? Wie steht es etwa mit dem Investivlohn? Maybrit Illner stellt die Frage nicht und Hildegard Müller sagt nichts dazu. Wie ist all der schillernde Sozialpopulismus à la Lafontaine zu finanzieren? Keine Antwort. Und warum sperrt sich die Wirtschaft gegen Reallohnsteigerungen? Genau, keine Antwort heute.
Unterhaltung statt Diskussion
Deshalb bleibt dem Zuschauer zum Trost nur der Unterhaltungsfaktor. Jürgen Thumann und Oskar Lafontaine geben sich da wenigstens am Schluss ordentlich Mühe. Etwa wenn der Saarländer eine Umsatzrendite von 26 Prozent bei Unternehmen als "irre, einfach irre, unanständig" klassifiziert - mit Verweis auf eine virtuelle Oma, die mit 1000 Euro auf die Bank gehe und sage, sie wolle jetzt aber mal 26 Prozent Zinsen. Da würde der Bankangestellte einen Arzt oder gleich die Polizei rufen.
Und wenn Thumann dann antwortet, es wäre doch kein Unternehmer bereit, sein Kapital auf eigenes Risiko in eine Firma reinzustecken, um es mit fünf Prozent verzinsen zu lassen wie das Sparbuch der Oma.
Nun lebt Herr Thumann möglicherweise in einer Parallelwelt: Erstens sind fünf Prozent Verzinsung für die durchschnittliche Oma sicherlich eine Ausnahme. Und zweitens setzen die Vorstandsvorsitzenden großer Konzerne auf die Lafontaine anspielte wohl eher selten eigenes Kapital ein.
Aber Parallelwelten gibt's nicht nur rechts, sondern auch links von Illner. Denn Oskar Lafontaine träumt von Südamerika, vom "Sozialismus fürs 21. Jahrhundert" des venezolanischen Diktators Hugo Chávez. Weil Chávez diverse Industriezweige verstaatlicht hat, sagt Lafontaine, dass der Ölreichtum solcher Länder, der bisher von amerikanischen Konzernen ausgebeutet worden sei, nun der Bevölkerung zugute komme.
Hildegard Müller schaut ungläubig: "Der Bevölkerung? Bei Chávez?" Darauf Lafontaine: "Ja, dann fahren Sie doch mal hin." Während Frau Müller den Kopf schüttelt, wirft Herr Sommer noch ein: "Also, für mich ist Venezuela kein Vorbild, da werden freie Gewerkschaften bekämpft."
Dann ist Schluss. Und Frau Illner findet wie immer die passenden Worte: "Bleiben Sie heiter."