Mediengeschichte Radiohörer eröffnet Fernsehmuseum
Berlin - "Bis heute ist die Frage eines leidenschaftlichen Radiohörers nicht endgültig beantwortet worden, warum man die deprimierenden Berichte über das tägliche Weltgeschehen nicht nur hören, sondern auch noch sehen sollte", sagte Vicco von Bülow alias Loriot gestern Abend zur Eröffnung des Deutschen Fernsehmuseums am Potsdamer Platz. Eine mögliche Antwort: Das Fernsehen bietet durchaus mehr als traurige Nachrichten. Loriot etwa hat seit den siebziger Jahren Fernsehgeschichte geschrieben, genauso wie "Bonanza" und "Bei Bio" - Sendungen, die im Museum genauso zu sehen sein werden wie die erste Mondlandung oder die Beerdigung von Papst Johannes Paul II.
Das Deutsche Fernsehmuseum präsentiert ab heute 53 Jahre ost und westdeutsche Fernsehgeschichte. Künftig soll das Angebot auch durch das Internet erweitert werden. So soll eine enge Verbindung zwischen Fernsehen und Internet entstehen. Programmdirektor Peter Paul Kubitz sagte, dass bereits Gespräche mit den Sendern laufen, die das Fernsehmaterial zur Verfügung stellen. Bei neuen Verträgen zur Ausstrahlung von TV-Sendungen soll zugleich auch immer die Internet-Netzung vereinbart werden.
Kubitz räumte ein, dass die Ausstrahlungsrechte noch "gewaltige Probleme" verursachen: Sie sind schlichtweg zu teuer für das Museum, das einen Jahresetat von zwei Millionen Euro hat. "Wir werden immer nur einen symbolischen Preis zahlen und am liebsten gar keinen", sagte Kubitz. Daher werde es bei der Ausstellung eben auch Lücken geben: Michael Schumachers erster Sieg im belgischen Spa kostet 35.000 Euro pro Minute zuviel für das Museum. Die BBC verlangt für die Krönungsbilder der Queen 1000 Euro pro Minute. Das ist noch drin.
Während ARD und ZDF das Projekt mit insgesamt 100.000 Euro unterstützen, bleiben die privaten Sender zurückhaltend. Die Senderfamilien RTL und ProSiebenSat1 haben sich bisher noch nicht entschieden, ob sie mit jeweils 30 000 Euro dabei sein wollen. Trotz eines Umsatzes von zwei Milliarden Euro 2005. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sprach dies gestern Abend auch an: Die Privaten sollten "über Programmbeiträge hinaus auch eine direkte Finanzierung ins Auge fassen."
So lange die Privaten ihre Unterstützung verweigern, wollen auch ARD und ZDF nicht mehr zahlen: "Wir bleiben bei der Haltung, dass sich alle beteiligen müssen", sagte ZDF-Intendant Markus Schächter wenige Tage vor der Eröffnung. Auf jeden Fall sei das Museum aber "eine Art Ruhmeshalle des allgemeinen Fernsehgeschmacks, eine Heimat für die vielbesungenen 'Sternstunden' in der Fernsehgeschichte, ein lebendiger Ort zum Schauen und Staunen."
Private sollen ihre "Zierphase" beenden
Der Museumseröffnung geht ein 20 Jahre dauerndes Tauziehen voraus. Es gab Streit um den richtigen Standort und die Finanzierung, die ARD versuchte, ihr eigenes Nationales Rundfunkarchiv vor der Konkurrenz zu schützen. Dann, endlich, kamen 2001 die Finanzierungszusagen von ARD, ZDF, RTL und ProsiebenSat1. Es folgte die Kirch-Pleite, ProSieben zog sein Angebot zurück, RTL machte es dem privaten Sender nach. Das Jahresbudget des Fernsehmuseums schmolz von neun auf inzwischen zwei Millionen. Auch ARD und ZDF zahlten deutlich weniger als anfangs vereinbart. Museums-Programmdirektor Peter Paul Kubitz appellierte: "Die Privaten sind herzlich eingeladen, ihre 'Zierphase' von mehreren Jahren aufzugeben." Den öffentlich-rechtlichen Sendern werde nicht zwangsläufig mehr Platz eingeräumt als den privaten Sendern: "Wir haben keine Quote. Wir behandeln in unserer Auswahl die Öffentlich-Rechtlichen genauso wie die Privaten."
Bastian Pastewka und Helga Hahnemann
Der Ausstellungsbestand beläuft sich bislang auf rund 500 Fernsehbeiträge, abrufbar sind Ausschnitte mit Bastian Pastewka genauso wie Sendungen mit Peter Frankenfeld, Helga Hahnemann oder Hella von Sinnen. In fünf Räumen erzählt das Museum die Geschichte des Mediums Fernsehen von 1953 an. Zur Verfügung stehen neben vielen TV-Ausschnitten aus Nachrichtensendungen, Shows, Serien und TV-Werbung auch ganze Sendungen aus dem Archiv des Museums. Im Mittelpunkt des Bestands sollen die "handwerklich guten Stücke" sein, preisgekrönte Filme und hervorragende Fernsehberichte, sagte Kubitz.
Die Ehrengäste der Eröffnung: Neben anderen der TV-Moderator Alfred Biolek, die früheren Intendanten Dieter Stolte (ZDF) und Friedrich Nowottny (WDR), die Schauspieler Günter Lamprecht, Hilmar Thate, Angelica Domröse und Hellmut Lange. Die RBB-Intendantin Dagmar Reim brachte als Eröffnungsgeschenk der ARD 50 Sendestunden "Als die Mauer fiel" und "Loriot und die Nibelungen" mit: Ein Grund mehr für Vicco von Bülow, öfter mal im Fernsehmuseum vorbei zu schauen.
abr/ddp/ap/dpa