Medienstar Einstein: Das Genie als Kuscheltier - DER SPIEGEL
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Medienstar Einstein Das Genie als Kuscheltier

Keiner versteht ihn, jeder mag ihn: Warum eigentlich wurde gerade Albert Einstein zum Medien-Phänomen und Wissenschafts-Popstar? Bei den Berliner "Einstein-Lectures" wurden letzte Fragen beantwortet.
Von Helmut Merschmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ankunft im New Yorker Hafen, der traurige Seehundblick und die herausgestreckte Zunge, dann die Sonnenfinsternis von 1919 und später der Abwurf der ersten Atombombe - zur Ikonografie des 20. Jahrhunderts gehören die Bilder Albert Einsteins und seiner Gedankenwelt. Wie kein zweiter Wissenschaftler ist der 1955 verstorbene Astrophysiker zum Medienstar avanciert, zum ersten Popstar seiner Zunft. Schon zu Lebzeiten entstand dieses Image, das Einstein aus Spaß an der Selbstinszenierung tüchtig gepflegt hat.

Einsteins Popularität hat bis heute nicht nachgelassen. Noch im vorletzten Jahr gelangte er bei der ZDF-Show "Unsere Besten" auf Platz zehn. Für einen Naturwissenschaftler ist das ein großartiges Ergebnis, wenngleich nicht ganz nachvollziehbar. Einstein hatte es selbst einmal auf den Punkt gebracht: "Woher kommt es wohl, dass mich niemand versteht und jeder mag?" Auch Charlie Chaplin wunderte sich: "Ich werde bejubelt, weil mich jeder versteht, und Sie, weil Sie niemand versteht."

Diesem seltsamen Phänomen hat der Medienwissenschaftler Norbert Bolz in den "Einstein Lectures" nachgespürt, dem Begleitprogramm zur Berliner Ausstellung "Albert Einstein - Ingenieur des Universums". Für Bolz hängt die Popularität Einsteins mit der Entwicklung der modernen Wissenschaften zusammen. Seit dem späten 19. Jahrhundert seien diese abstrakt und unanschaulich geworden und zeichneten ein Bild von der Welt, das weder von Laien, noch von Kollegen anderer Disziplinen nachvollzogen werden könne. "Es gibt seitdem zwei Wissenschaftlertypen: Die Spezialisten, die fast alles über fast nichts wissen, und die Generalisten, die fast nichts über fast alles wissen", sagt Bolz.

Für den großen Rest bleibt die Welt der Akademie eine ziemlich undurchdringbare Materie, eine Art Black-Box. Weil dies ein auf Dauer unerträgliches Gefühl ist, muss es kompensiert werden: durch Geniekult und Starrummel - woran die Wissenschaft selbst nicht unbeteiligt ist. Da werden Fachbegriffe wie "geschlossene Gefäße" weiter gereicht. Wissenschaftliche Gleichungen (e=mc2) gerinnen zur Zauberformel und zieren als Warenzeichen T-Shirts und Kaffeebecher. Wer kann schon bündig beschreiben, was es mit der Quanten- oder Relativitätstheorie auf sich hat? Doch genügt es, eine ungefähre Vorstellung davon zu haben. Dass alles irgendwie relativ ist, nicht zuletzt das Wissen selbst, hat "das Zeitklima eingefärbt", sagt Bolz.

Einstein gefiel sich in der Rolle des Genies. Mit seinem öffentlichen Auftreten - extravagant und unbesockt - bildete er einen starken Kontrast zum steifen Wissenschaftlertypus seiner Zeit. Das war stilprägend. Wann immer es noch heute einen liebenswürdigen "mad scientist" darzustellen gilt, wie etwa im Hollywood-Spektakel "Zurück in die Zukunft", ähnelt dieser Albert Einstein. Abgehoben wirkte Einstein dabei nie. Im Gegenteil: Erst seine Menschenfreundlichkeit machte ihn populär und zugänglich, sein Bonmot "Der Staat ist für die Menschen und nicht die Menschen für den Staat" ziert heute in roten Riesenlettern das Bundeskanzleramt. Auch Einsteins Äußeres, seine Wuschelmähne und zierliche Gestalt, tragen zur Popularität bei. Als "irgendwie kindlich und knuffig" beschreibt ihn Bolz: "Das Genie wird zum Kuscheltier".

Und genau wegen dieses Kuschelfaktors ist Einstein zum Medienstar geworden. Gegenwärtig soll es mehr lebende Wissenschaftler geben als verstorbene insgesamt ein Indiz für die sprichwörtliche Wissensexplosion. Hält man sich obendrein vor Augen, dass all diese Menschen Spezialwissen produzieren, das sich dem Allgemeinverständnis entzieht, lässt sich das Fazit von Norbert Bolz begreifen: "Ein öffentliches Verstehen von Wissenschaft ist ein Ding der Unmöglichkeit". Wissenschaft bleibe deswegen angewiesen auf Stars wie Einstein oder Stephen Hawking, die als Mythos erscheinen, zu gleichen Teilen fassbar wie entrückt.

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