Meisterwerke von Picasso bis Beuys: Juwelen aus muffigen Depots - DER SPIEGEL
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Meisterwerke von Picasso bis Beuys Juwelen aus muffigen Depots

Monatelang waren die Meisterwerke der Kunstsammlung nicht zu sehen. Die "heimliche" Nationalgalerie in Düsseldorf holte jetzt ihre Malereijuwelen aus den muffigen Depots und präsentierte sie neben Neuerwerbungen erstmals der Öffentlichkeit.
Von Birgit Stallmann
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Der Mörder zerrt verbissen an dem Strang, der sein Opfer qualvoll würgt. In der kleinen Dachkammer, in der die Familie gerade noch friedlich zu Abend gegessen hat, herrscht sinnlose, brutale Willkür.

Der Maler Max Beckmann nannte seinen aus den Erlebnissen des Ersten Weltkrieges geborenen Alptraum "Die Nacht" (1918/19). Es gilt als eines der wichtigsten Bilder des 20. Jahrhunderts, und die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die sich gern als "heimliche Nationalgalerie" feiert, nennt es neben rund 270 weiteren Meisterwerken der vergangenen hundert Jahre ihr Eigen.

Um 1920 gab es für den Jahrhundertkünstler Picasso nichts Größeres als die Antike. Er schuf das legendäre Bild "Zwei sitzende Frauen", Hauptwerk seiner neoklassischen Phase. Der damalige Direktor des Düsseldorfer Museums, Werner Schmalenbach, entdeckte es und kaufte es in sechziger Jahren aus einer ausrangierten Sammlung in Amerika an. Die Kunstsammlung stapelt nicht zu hoch: Es finden sich Braques kubistische Zerstückelungen von Harfe und Violine, Kirchners expressionistische Straßenbilder, die Nutten mit lila Gesichtern zeigen, Kurt Schwitters "schreiende" Müllcollagen und Henri Matisse' später Farbenrausch in Rot sind Meisterwerke der klassischen Moderne.

Nach dem Krieg dann ereignete sich in der Kunstszene Amerikas Ungeheuerliches. In einer Mischung aus Raserei und Meditation tanzte der Aktionsmaler Jackson Pollock wie ein wild gewordener Derwisch über die auf dem Boden liegende Leinwand und verspritzte dabei literweise Farbe. "Number 32", eines seiner besten Dripping-Bilder, ziert nun den Amerikaner-Saal der Sammlung, neben Größen wie Mark Rothko, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Andy Warhol, Franz Kline und anderen.

Etwa 240 Stücke werden nun im mondänen Bau der Landeshauptstadt präsentiert. Ein seltenes Ereignis, denn viele der Werke wurden über Monate oder gar Jahre im Depot gelagert, weil das Museum aus den Nähten platzt.

Für Armin Zweite (59), der 1990 die Nachfolge Schmalenbachs angetreten hat, ist das, wie auch der mittlerweile "mickrige Ankaufsetat" von knapp zwei Millionen Mark, eine Schande. Zweite war zuvor Direktor der Städtischen Galerie München. "Wir spielen ja nicht in der Regionalliga, sondern mindestens auf Europaebene", beschwert sich der Museumsmann über die beengten Verhältnisse. Zwei Jahre muss er noch warten. Dann gibt es im ehemaligen Gebäude des Landesparlamentes, dem so genannten Ständehaus, ein zweites Domizil. Auch ein Erweiterungsbau des Museums ist geplant.

Zu Beginn fand Schmalenbach 88 Bilder Paul Klees vor, die das Land kurz vorher in einer spektakulären Aktion erworben hatte. Damit war für Schmalenbach klar: "Am Anfang stand Klee", und der große Maler war "Maßstab für alles Weitere". Nur die Qualität eines Werkes sollte fortan das Ankaufskonzept bestimmen. Dem fulminanten Start der Sammlung huldigt auch Zweite heute noch. Die Bilder Klees, als "Juwelen" gehandelt, bilden den Auftakt der Schau. Darunter "Schwarzer Fürst" und das humorig benannte "Kamel in rhythmischer Landschaft".

Besonders stolz sind die Düsseldorfer auf den Erwerb von Joseph Beuys' Installation "Palazzo Regale" von 1985. In einer Art Mausoleum mit zwei Vitrinen und großen monochromen Goldtafeln resümierte Beuys, nie ein Kind von großer Bescheidenheit, mit Fett und Filz feierlich-sakral sein eigenes Leben und Werk.

Bei einer Gattung muss das Museum peinlicherweise passen. Schmalenbach hat die Skulptur fast dreißig Jahre lang ignoriert. Die Lücke zu schließen, ist vorerst unmöglich. Zu teuer sind Arbeiten der Klassischen Moderne mittlerweile. "Skulpturen von Picasso oder Giacometti würde ich mir schon wünschen", sehnsüchtelt Zweite, "aber das ist vorerst Utopie". Immerhin sieben Gipsfiguren von Max Ernst und Dalìs "Venus von Milo mit Schubladen" hat er für die stetig wachsende Skulpturensammlung in den letzten Jahren erwerben können.

"Unser 20. Jahrhundert - Meisterwerke von Picasso bis Beuys": Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 15. Juli bis 22. Oktober 2000.