"Menschen bei Maischberger": Radikal banal - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"Menschen bei Maischberger" Radikal banal

Um "Rebellen" sollte es gestern in Sandra Maischbergers Talkshow gehen. Eingeladen waren unter anderem Heiner Geißler und Daniel Cohn-Bendit. Die verstanden sich blendend - der Geist des Widerstandes aber wehte nicht, eher der einer resignierten Altherrenrunde.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Die paar aufrechten Querdenker, in denen eigenen Reih'n sind gut fürs Gesicht nach außen, intern ebnen wir sie ein", hat Herbert Grönemeyer mal gesungen, in einem Lied über die C-Parteien. Gemeint war damals wohl vor allem Heiner Geißler, seinerzeit noch CDU-Generalsekretär. Geißler saß gestern bei Sandra Maischberger, denn es sollte um das Thema "Rebellen" gehen. Mit dabei: Grönemeyers Bruder Dietrich, Kirchenkritiker Eugen Drewermann und der Grüne Daniel Cohn-Bendit - lauter eingeebnete Querdenker.

Wie es ist, ein Rebell zu sein, wollte Sandra Maischberger von ihren Gästen wissen, aber die fühlen sich inzwischen gar nicht mehr so rebellisch, eher ein bisschen resigniert. "Die größte Volkskrankheit sind ja Depressionen", stellte Cohn-Bendit gleich zu Anfang fest und gab damit die Stimmungslage fürs folgende Gespräch vor.

Maischberger suchte nach Radikalität, ihre Gäste übten sich in Abwägung, Appellen und gegenseitigem Schulterklopfen. Geißler und Cohn-Bendit mochten sich, bestätigten die Ansichten des anderen mit heftigem Kopfnicken, etwa wenn Geißler feststellte, dass es ein "falsches wirtschaftliches System ist, in dem der Wert eines Unternehmens steigt, wenn Leute entlassen werden". Die Welt, da waren sich die vier einig, wird immer schlechter.

Geißler wurde dann doch noch ein bisschen rebellisch und fragte sich, wie "die Partei, der ich angehöre", Hartz IV zustimmen konnte. Und fasst damit die angenehme Position zusammen, in der sich die Versammelten allesamt befinden: wunderbar etablierte Ex-Protestierer, die auch ihren eigenen Organisationen jetzt bittere Wahrheiten und unerfüllbare Forderungen ins Stammbuch schreiben dürfen.

Dementsprechend ging es thematisch quer durch den Gemüsegarten. Über Abtreibung sprach man, über Zwangsverheiratungen von türkischen Mädchen, über Aids, den Papst und über Waffenexporte nach China. Maischberger versuchte immer wieder vergeblich, die Runde zum Thema zurückzubringen - die Herren plauderten lieber.

Nur einmal wurde es ein bisschen lauter. Es ging um Pazifismus, und Eugen Drewermann erklärte, auch im Kosovo hätte man eine pazifistische Lösung finden müssen - etwa, indem die unterdrückten Albaner einfach das Weite suchen. "Das ist radikal", sagte Maischberger beeindruckt, und Cohn-Bendit wurde richtig wütend, als sie auch ihn des Pazifismus bezichtigte. "Ich war nie Pazifist", rief der rote Danny in die Runde. Drewermann schüttelte enttäuscht den Kopf, nutzte dann aber doch die Gelegenheit, den Titel seines neuen Buches in die Kamera zu sagen. Das gelang dem Medizin-Reformer Dietrich Grönemeyer sogar zweimal, obwohl er sonst kaum zu Wort kam. (Geißler und Cohn-Bendit haben wohl in letzter Zeit kein Buch geschrieben.)

Grönemeyer durfte gegen Ende dann eine kleine Rede halten. Seine These war so angestaubt wie die ganze Diskussion: Die Medizin muss den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Ansonsten betätigte er sich als großer Ausgleicher, zum Beispiel, als Atheist Cohn-Bendit und Radikalchrist Drewermann aneinander gerieten. Und er lobte Heiner Geißler. Geißler seinerseits lobte Cohn-Bendit. Maischberger lobte Grönemeyer. Und alle schmunzelten gemeinsam über einen sehr alten Fernsehbeitrag, in dem der Studentenaktivist Cohn-Bendit ein Rätesystem fordert.

"Die Forderung, das Beste im Leben zu wollen, hat sehr oft zum Schrecklichsten geführt", weiß der Grüne inzwischen, der zugab, dass er "zu sehr Hedonist ist", um wirklich noch für die Wahrheit zu streiten.

So sind sie wohl, Deutschlands Rebellen. Weise, reif und traurig - bis an den Rand der Banalität.

Mehr lesen über