Merce Cunningham Ballett des Zufalls
Eine Ausstellung über Tanz - wie soll das funktionieren bei einer derart vergänglichen Kunstform, die wie keine andere im Moment erlebt sein will, im Dahinfließen der Bewegung? Andererseits hat der amerikanische Choreograf und Tänzer Merce Cunningham mit seinen 81 Jahren inzwischen ein Alter erreicht, das eine museale Würdigung nahezu unvermeidbar macht. Und so hat das Museum moderner Kunst in Wien zahlreiche Videos, Kostüme, Fotos, Skizzenbücher und Bühnenbilder zusammengetragen, die in der Summe tatsächlich ein lebendiges Bild vom Werk dieser Tanzlegende vermitteln.
Angefangen hat Merce Cunningham in den späten dreißiger Jahren, als erster Tänzer bei Martha Graham, der "Grand Dame" des amerikanischen Modern Dance. Im Jahre 1953 gründete er dann seine eigene Truppe, die "Merce Cunningham Dance Company", mit der er sich vom traditionellen Ausdruckstanz radikal abwandte. Fortan sollte Bewegung keine inneren Befindlichkeiten mehr vermitteln, sondern für sich selbst stehen. In der Praxis konnte das schon einmal dahin führen, dass sich Cunningham auf die Bühne stellte und minutenlang einfach nur bügelte. Zudem führte er das Zufallsprinzip in den Tanz ein: Durch Münzwurf oder das östliche I-Ging ermittelte er die Positionen der Tänzer im Raum, deren Formsprache sich in komplexen Simultanaktionen formulierte.
Zahlreiche Künstler fühlten sich von dieser freien Kunstauffassung angezogen. Zum Beispiel Andy Warhol, dessen heliumgefüllten Silberkissen einst das Bühnenbild für das Stück "Rain forest" abgab. Oder Robert Rauschenberg, der jahrelang künstlerischer Leiter der Merce Cunningham Dance Company war und immer wieder Bühnenbilder (ein Meilenstein: sein smartiesbunter, pointillistisch hingetupfter Prospekt für die Choreografie "Summerspace") und Kostüme entwarf. Und natürlich der Komponist John Cage, mit dem Cunningham viele seiner innovativen Ideen gemeinsam entwickelte. Sie alle holten vor allem den Alltag in die Kunst: Cage das Alltagsgeräusch, Rauschenberg den Alltagsgegenstand, Cunningham die Alltagsbewegung.
Sehr anschaulich macht die Schau auch Cunninghams Rolle als Wegbereiter avantgardistischer Ausdrucksformen wie Mixed Media, Minimal Art und Happening. Und noch immer sucht Cunningham nach neuen Bewegungsformen, seit 1991 mit der Hilfe eines eigens für ihn entwickelten Computers. In einer Dunkelkammer werden die simulierten Tanzabläufe gezeigt: Sprünge, Drehungen und Schrittfolgen, die kein Körper je ausführen kann. Wirkt aber sehr inspirierend.
"Merce Cunningham", Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, noch bis zum 12.6.2000.