Migranten: Isoliert statt integriert - DER SPIEGEL
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Migranten Isoliert statt integriert

Der Berliner "Lesben- und Schwulenverband" lud ein; geplant war eine Diskussion über den Fall der Anwältin Seyran Ates. Dann wurde es aber doch eine Diskussion über die Mutter aller Fragen: Wer integriert hier wen? Die Einheimischen die Zuwanderer? Oder etwa umgekehrt?
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Neukölln, dem Berliner Bezirk mit der höchsten Quote an Arbeitslosen, Migranten und Beziehern von Transferleistungen, ist der Teufel los. Die Wahlen zum Abgeordnetenhaus stehen vor der Tür, und der Verein Arabisches Kulturinstitut lädt zu einer Infoveranstaltung mit Berliner Parteien ein.

Es stellen sich vor: die Bildungspartei, die Grauen Panther, die feministische Partei "Die Frauen", die Tierschutzpartei und Bürgerrechtsbewegung Solidarität Büso. Und nach den Wahlen soll es ein "Benefiz-Eisbein-Essen" zu Gunsten des Fördervereins Gemeinschaftshaus Morus 14 geben, mit Eisbein wahlweise Kasseler, Sauerkraut, Erbspüree und Kartoffeln, "dazu 'ne Molle und 'nen Korn". Das Morus 14 liegt mitten im "Rollbergviertel", einem der "sozialen Brennpunkte" der Stadt, wo fast nur "Menschen mit Migrationshintergrund" wohnen.

Und ausgerechnet hierher hat der "Lesben- und Schwulenverband" zu einer Podiumsdiskussion über den "Fall Seyran Ates und die Folgen" eingeladen. Seyran Ates ist die deutsch-türkische Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin, die vor kurzem ihre Praxis geschlossen und ihre Zulassung zurückgegeben hat, weil sie von den männlichen Angehörigen der Frauen, die sie vertrat, bedroht und physisch angegriffen wurde. Der Fall sorgte über Berlin hinaus für große Aufregung und fachte die öffentliche Debatte über Gewalt im Migrantenmilieu - und wie man ihr begegnen sollte – heftig an.

Es gibt also Diskussionsbedarf. Auf dem Podium sitzen Necla Kelek, deutsch-türkische Soziologin und Autorin von Büchern über familiäre Repression in Migrantenfamilien, Suzan Gülfirat, deutsch-türkische Journalistin, Fritz Felgentreu, Neuköllner Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, und Gilles Duhem vom "Quartiersmanagment Rollbergviertel", wo man die Probleme vor Ort am besten kennt.

Ein Platz bleibt leer. Celal Altun, Generalsekretär der Türkischen Gemeinde zu Berlin e.V., ist nicht gekommen, auch der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg und die Türkische Gemeinde in Deutschland sahen sich nicht in der Lage, Sprecher zu der Diskussion zu entsenden. Im Saal sitzen etwa 50 Besucher, die meisten sehen wie "Ethno-Deutsche" aus, die wenigen "Migranten", zu denen auch Quartiersmanager Duhem, ein Franzose, zählt, erkennt man daran, dass sie fließend und fast akzentfrei deutsch sprechen.

Verdächtige Freiheit

So wie Necla Kelek, die als erste spricht. Sie erinnert an den "Ehrenmord" an Hatun Sürücü, einer jungen Deutsch-Türkin, die "Schande" über ihre Familie gebracht hatte, weil sie "wie eine Deutsche" leben wollte, und stellt die ganz normale türkische Familie als ein "Kontrollsystem" dar, das von gegenseitigem Misstrauen geprägt wird. "Das ist der türkisch-muslimische common sense, die Freiheit des Anderen ist verdächtig, es gibt kein vom Familienverband losgelöstes Ich, kein Recht auf Individualität und eigene Sexualität. Frauen und Kinder sind keine eigenständigen Wesen." Das Wichtigste sei die Ehre. "Die Frau ist die Ehre des Mannes, Ehre kann man nicht erwerben, man kann sie nur verlieren."

Und sie berichtet von jungen türkischen Frauen und Mädchen, die nach "Vergewaltigungen im Analbereich" Hilfe bei Ärzten suchen, wenn sie nicht vorher Selbstmord begehen.

"Wie soll man jetzt in eine Diskussion einsteigen? Was ist falsch gelaufen?", fragt nach einer längeren Pause Moderator Max Thomas Mehr, früher Chefredakteur der "taz". Fritz Felgenstein, der SPD-Abgeordnete, versucht es. Man müsse sich den Fragen "offensiv" stellen, man sei erst "am Anfang eines Prozesses", die Einstellungen, um die es geht, seien "kulturell aber auch sozial determiniert", außerdem auch ein Ergebnis von "Bildungsferne". - "Völliger Quatsch!", ruft jemand aus dem Publikum. Kein Quatsch, sagt Felgenstein, Ehrenmorde kämen bei den Eliten nicht vor: "Das ist ein Problem der Unterschicht".

Felgenstein redet so, wie Politiker meistens reden: Er sagt nichts Falsches, aber auch nichts, womit die Zuhörer wirklich etwas anfangen können. Ja, es habe "gesellschaftliche Fehlentwicklungen" gegeben. Nein, es reiche nicht zu sagen, "Der Islam ist schuld". Und: "Wir müssen anfangen, über einen Paradigmenwechsel nachzudenken, Einwanderer brauchen keine Sozialleistungen, sie brauchen Arbeit."

Gefährlicher Medien-Mainstream

Aber bevor über einen Paradigmenwechsel nachgedacht werden kann, ist erst einmal der Status quo dran. "Ich kann mit 80 Prozent der Türken nicht reden", berichtet Suzan Gülfirat, die Journalistin. "Ich sage etwas und habe sofort schreiende Männer um mich, die mich als Deutsche beschimpfen." Auch die Kommunikation mit den Türken, die sich in den politischen Parteien engagieren, sei schwierig. "Sie wollen nichts sagen, weil sie von den türkischen Zeitungen nicht zitiert und vorgeführt werden möchten."

Selbst ihre Mutter, die viele Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet hat und inzwischen "eine satte, fette Rente" genießt, fühle sich neuerdings diskriminiert. "Sie schaut den ganzen Tag türkisches Fernsehen, und das berichtet nur von den Problemen der Türken in Deutschland, wie schlecht sie hier behandelt werden."

Der Quartiersmanager, Gilles Duhem, beginnt sein Statement, indem er die "Mafia der Gutmenschen" für die jetzigen Verhältnisse verantwortlich macht. "Deutschland hat sich lange nur mit sich selbst beschäftigt, mit seiner Geschichte, mit seinen Schuldgefühlen. So hat man eine Generation von Problemen verpasst." Er sagt: "Was Necla Kelek beschreibt, das ist unser Alltag" und redet von der Kraft der Umma, der moslemischen Gemeinschaft, der sich alle unterordnen müssen. "Die Macht der Gruppe auf den Einzelnen ist enorm. Stasi und KGB waren ein Scherz dagegen."

Desintegration macht Schule

Moderator, Max Thomas Mehr, bekennt, dass er seine Kinder lieber auf eine Schule mit einem geringen Anteil von Migranten schickt. "Das ist das Problem", sagt Duhem und unternimmt einen kurzen Versuch, Mehr zu überzeugen, dass er der Integration zuliebe seine Kinder lieber auf eine Schule mit einem hohen Anteil an Migranten schicken sollte.

Dann dreht sich die Diskussion um die Frage, ob das Sein das Bewusstsein oder das Bewusstsein das Sein bestimmt, ob kulturelle Muster entscheidend sind oder ökonomische Umstände, bis eine Lehrerin aufsteht und die Frage stellt: "Wer integriert hier wen?"

Vor 20, 30 Jahren habe die Integration noch funktioniert, die Unterrichtssprache war Deutsch. "Aber wenn heute der Lehrer der einzige ist, der in der Klasse Deutsch spricht, dann kann keine Integration stattfinden." Worauf der Quartiersmanager sagt, man müsse "die Schüler mischen"; die Zehlendorfer Eltern sollten ihre Kinder nach Neukölln schicken und die Neuköllner Eltern ihre Kinder nach Charlottenburg. "Vierzig Minuten Fahrt mit U-Bahn oder Bus ist zumutbar."

Da würden sich Eltern und Schüler, die eine Schule um die Ecke haben, riesig freuen, wenn sie der Integration zuliebe jeden Tag die Stadt durchqueren müssten. Am Ende der Diskussion ist der Fall Seyran Ates abgehakt, und es geht wieder ums große Ganze, das Zusammenleben, die Integration.

"Was machen wir mit der ethno-deutschen Gesellschaft?", will eine Besucherin wissen. "Ziehen Sie hierher", antwortet der Quartiersmanager.

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