Migranten-Theater Boah, ey, Othello!
Köln, im Stadtteil Ehrenfeld. Dunkle Bühne, vollbesetzter Publikumssaal, Spot an. Mit rheinischem Singsang sagt ein zwölfjähriger Laienschauspieler "Hallo, ich bin Burak", stutzt und korrigiert sich: "Äh, ich meine, Stefan." Hinter der minimalistischen Bühne, bei der ein paar Gardinen auf Drahtreihen aufgezogen sind, zischt und flüstert es. Die acht anderen Jugendlichen des Theaterprojekts lachen über den Versprecher ihres Kollegen.
Am internationalen Tag der Migranten zeigte das "Arkadas Theater - Bühne der Kulturen" eine ungewöhnliche Premiere. In "Kool und Krass" präsentierten Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren unterschiedlicher Herkunft ihre schauspielerischen Fähigkeiten "in ihrer Sprache". Und die ist Deutsch, genauer Kölsch, mit vielen "Boah-eys!" und "Geils!". Das Stück soll heikle Themen aus dem Teenageralltag vieler Jugendlicher ansprechen: Drogen, Streit mit den Eltern, Kopftücher, Gewalt. Das theaterpädagogische Pionierprojekt soll in Zukunft für Schulen angeboten werden.
"Wenn ihr Erwachsen wärt, dann wärt ihr keine Klassenkameraden, sondern Knastis!": Die Mädchen und Jungs, die auf der Bühne debütieren, sind alles andere als typische Theatergänger. Und genau das sieht die interkulturelle Spielstätte als ihren Auftrag. "Wir wollen die Hemmschwelle für Zuschauer abbauen, die nicht gewohnt sind ins Theater zu gehen", sagt die Leiterin des Arkadas Theaters Lale Konuk. "Mehr Herzlichkeit" und multikulturelle Angebote "in Ehrenfeld verankern" ist Konuks Ziel. Immerhin hat ein Viertel der Bewohner des Kölner Stadtteils einen ausländischen Pass. Der Anteil von "Menschen mit Migrationshintergrund" ist noch erheblich größer.
Hintergründige Konzepte
Bisher gingen alle Einwohner ohne ausländischen Pass als Deutsche in der Statistik auf und wurden nicht berücksichtigt, wenn es um Integrationspolitik ging. Deshalb hat Nordrhein-Westfalen 2005 als erstes Bundesland Daten für Menschen mit Migrationshintergrund erhoben. Dazu zählen auch Eingebürgerte, Deutsche mit einem zugewanderten Elternteil und Spätaussiedler. Der Ansatz bringt neue Perspektiven mit sich: Während der Ausländeranteil in NRW bei knapp zehn Prozent liegt, hat fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung einen so genannten Hintergrund.
Doch Zahlen helfen scheinbar nicht immer, alles zu erfassen. Im Fall einer Datenerhebung der Staatskanzlei in Düsseldorf zur interkulturellen Vielfalt in NRW fand man lediglich heraus, dass es kaum etwas zu erheben gibt. Kulturelle Bildung oder die Nutzung von Theater-, Film- und Museumsstätten sind "weiße Flecken" in der deutschen Datenforschung. Keiner weiß, ob, wie viele und in welche Kunst- und Kultureinrichtungen Menschen mit Migrationshintergrund gehen.
Auch wenn Kulturpolitik bisher nicht als Teil der Integrationspolitik wahrgenommen wird, ist kulturelle Partizipation ein Baustein von Integration, heißt es in der "Datenforschung Interkultur" des Landesamts für Statistik. "Wenn wir in Deutschland von Integration sprechen, dann sollte es dabei nicht nur um die Befriedigung der niedrigen Bedürfnisse gehen", meint auch Konuk vom Kölner Theater. Die soziale Anerkennung der eigenen Kultur und Möglichkeiten zur kulturellen Selbstverwirklichung seien maßgeblich entscheidend, wenn Menschen in einer Gesellschaft ankommen sollen.
Spielend integrieren
Nachdem die Staatskanzlei im August die vielen Datenlücken in einer Tagung vorstellte, nahm sich das Arkadas-Theater eine Besuchererhebung vor. Wichtig sei vor allem, dass Theater "kein Sozialprojekt" sei, sondern Menschen mit Migrationshintergrund eine "echte Bühne" zu Verfügung gestellt wird, so Konuk. Nur so könne man die Bildungsqualität steigern, fernab von Folklore und Bauchtanz.
Konsequent also, dass in "Kool und Krass" nicht nur Szenen aus dem Schulalltag der Jugendlichen in Szene gesetzt werden. Auch komplexe klassische Theaterszenen kommen nicht zu kurz. Wie etwa am Ende, wo eine komödiantische Mixtur aus "Othello" und "Romeo und Julia" über die Bühne geht.
In dramatischer Komik sterben am Ende alle, schmeißen sich sterbend mit hoheitlichem Stöhnen ("Oh wehe mir") übereinander und tragen unisono - mit kollektivem Blick zur Souffleuse - zufrieden ihr Abschlussplädoyer vor: "Wir brauchen neue Märchen und neue Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Bitte gebt uns neue Märchen."
Ein theaterpädagogisches Märchen könnte wahr werden, wenn der talentierte Burak es schafft, eines Tages auf eine Schauspielschule zu gehen. Doch dafür müsse er erst mal Abitur machen. Seinen Text habe er nur vergessen, weil er zu spät zu den Proben dazu kam, "wegen Ramadan". Auf der Bühne in Strumpfhosen zu stehen empfindet er als "große Ehre". Vorhang auf für eine neue Generation muslimischer Männer.