Millenials: All die kleinen Spießer - DER SPIEGEL
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Debatte über Millennials All die kleinen Spießer

Dem Partner treu sein, Kinder in die Welt setzen, Bausparvertrag abschließen, kurz: Spießertum statt Revolution. Es ist einfach, der Generation der Mittzwanziger vorzuwerfen, sie bestünde aus entpolitisierten Langweilern. Zu einfach. Von Björn Hayer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Studierende in der Uni-Mensa: Hauptsache Pommes!

Studierende in der Uni-Mensa: Hauptsache Pommes!

Foto: Uwe Zucchi / picture alliance / dpa
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Foto: privat

Björn Hayer, Jahrgang 1987, ist Wissenschaftler am Institut für Germanistik an der Universität Koblenz-Landau. Zudem arbeitet er als freier Kulturjournalist.

"Pommes als Nachschlag in der Mensa" - so lautete neulich eine der Hauptforderungen einer Liste zur Wahl des neuen Studierendenparlaments an der Universität Koblenz-Landau. Wo sind die großen Proteste gegen die noch immer zu schlechten Studienbedingungen? Wo der hörbare Aufschrei gegen die Verschulung der Universitäten? Nun ja, die gab es auch - bis man nach eineinhalb Wochen vereinzelter Raumbesetzungen und ein wenig anerkennendem Nicken der Bildungspolitiker wieder in Lethargie zurückfiel.

Trotzdem ist es zu kurzgedacht, meiner Generation Haltungslosigkeit zu attestieren. Zugegeben, man findet darunter kaum Revolutionäre. Keine - sieht man von einer überschaubaren Gruppe engagierter Weltverbesserer in Organisationen wie Greenpeace oder Occupy ab - Ché Guevaras, Dantons oder Trotzkis.

Doch selbst hinter Fällen wie dem Pommes-Luxusproblem verbergen sich grundsätzliche Fragen: Wo steht (meine) Generation der Mitt- und Endzwanziger aktuell? Welches Bild hat sie von der Zukunft und der Welt?

Ja: ein Teil meiner Generation ist übersättigt. Der neue digitale Raum bietet theoretisch neue Formen der politischen Diskussion. Tatsächlich wird kapituliert. Um sich einzubringen und komplexe Sachlagen überhaupt erst einmal zu durchschauen, braucht es langen Atem und Beharrlichkeit. Stattdessen verbringen viele ihr Dasein, um es mit Heidegger zu sagen, in einer digitalen "Seinsvergessenheit".

Man glaubt, sich flottierend durch den unbegrenzten Raum des Netzes zu bewegen, losgelöst und allem enthoben zu sein, ohne zu merken, dass man seine Freiheit opfert - ganz konkret, weil die personenbezogenen Daten von Unternehmen gesammelt werden. Dieses Opfer der Privatsphäre scheint der traurigen Notwendigkeit geschuldet, nicht ganz in der Masse untergehen zu wollen. Nur wer sich ausstellt, wird überhaupt noch wahrgenommen.

Aber es gibt auch die anderen Jungen. Solche etwa, die sich im kleinen Rahmen einbringen. Viele Studierende und Auszubildende engagieren sich für Flüchtlinge, geben abends Sprachkurse oder helfen in Kleiderkammern. Hilfe muss nicht nach außen strahlen. Man geht es ruhig, aber mit dem richtigen Gemüt an - und am bereits vertrauten Ort. Das gilt auch für die Karriereplanung.

Die Generation der jungen Berufseinsteiger ist eine Generation, die in Zeiten der Globalisierung und Unüberschaubarkeit ganz auf Sicht fährt. Nach dem Abi wollten die meisten ein Jahr nach Brasilien oder Peru. Weg - aber nur, um anschließend voller Sehnsucht die Heimat wieder zu entdecken. Auch deshalb stehen die jungen Menschen wieder auf Schwarzwald und Rheinland, lieben das Beschauliche und Private. Haben schon manche die Ehe zum Auslaufmodell erklärt, dient sie vielen erneut als der sinnstiftende Lebensentwurf. Weiterhin beinhaltet das Paket: Treue, Beständigkeit, Kinder, Haus, Bausparvertrag trotz Nullzins, ein erfüllender Beruf, der auch den nötigen Freiraum lässt.

Seit 2002 steigt etwa der Wunsch nach einem geregelten und guten Familienumfeld in den Shellstudien kontinuierlich an. Über 90 % der Befragten gaben in der jüngsten Erhebung an, Kinder und Privatleben nicht dem Beruf aufopfern zu wollen. Und laut einer Umfrage der Deutschen Bank von 2013 legen immer mehr Kunden im Alter zwischen 14 und 25 Jahren ihr Geld an, um für etwaige Engpässe gewappnet zu sein. Statt um Progressivität geht es also um Werterhaltung. Der Globalisierung tritt man mit Sicherheitsdenken entgegen.

Dabei formieren sich die Jungen aber nicht als geschlossene Masse, die Forderungen erhebt. Stattdessen gilt die Devise, dass jeder für seine eigenen Belange kämpft - und, dass man es mit Disziplin möglicherweise schaffen kann. Die Sinus-Jugendstudie 2016 fand heraus, dass die meisten Jungen Anpassung statt Individualismus bevorzugen. Man will nicht als Exot erscheinen, da dies Widerständigkeit voraussetzt. Offenbar sehen viele darin ein Risiko für die eigene Lebensplanung. Der Kapitalismus hat die jungen Erwachsenen förmlich glattgerieben. Uniformisten sind schließlich deutlich effizienter und leichter zu steuern als Freigeister.

Die Muße für Reflexion schwindet

In Seminaren spüre ich als Dozent diese Gefälligkeitshaltung und weiß zugleich, dass hinter dieser Verunselbstständigung ein politischer Wille und ein großer Leistungsdruck stecken. Denn selbst die Bildungsinstitutionen sind zur ökonomischen Abfertigung verpflichtet, um eine möglichst hohe Quote an Hochqualifizierten zu "produzieren". Indem der Hochschulpakt beispielsweise den Universitäten für jeden neu immatrikulierten Studenten bares Geld verspricht, wird ein Anreizsystem geschaffen, das nicht mehr Erfolg, sondern Quantität honoriert. Es fehlt die Zeit und der Wille, den Heranwachsen im Humboldtschen Sinne noch zur Reife zu verhelfen.

Zur Wahrheit gehört ebenso, dass später auf dem Arbeitsmarkt vor allem jungen Kreativen viele Bereiche chancenlos verbaut sind. Jenseits der von vielen derzeit so hoch geschätzten Beamten- und Lehramtskarriere wird es immer schwieriger: Im Mediensektor ist es kaum noch möglich, als kreativer Kopf Fuß zu fassen. Auch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz beutet gerade die klügsten unter den jungen Menschen aus. Außerdem versprechen unzählige Praktika- und Befristungsverhältnisse kaum Aussicht auf Erfolg. Man könnte diese Liste des Lamentierens und Resignierens beliebig erweitern um die Kulturbranche, dem schmaler werdenden öffentlichen Dienst oder der häufig mauen politischen Unterstützung für Unternehmensgründungen.

Fair wäre es deshalb, anzuerkennen, dass die Zeit und Muße für Reflexion und zum Engagement schwindet. Und richtig wäre es, sich mit dieser Situation nicht zufriedenzugeben. Denn die Entscheidungen, die in den kommenden Jahrzehnten vor uns liegen, sind zu wesentlich. Riesenthemen wie die Zukunft der EU, die gesellschaftliche Ausgestaltung der Digitalisierung und der demografische Wandel bedürfen keiner Wartehaltung, sondern aktiver Einmischung.

Wir dürfen uns nicht damit begnügen, eine Übergangsgeneration zu sein, sondern müssen uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, den Mut zum Wagnis, zu neuen Entwürfen fassen. Dies schließt auch eine Solidarisierung jenseits medialer Vernetzung ein. Also Mut zum Kennenlernen? Mut zur politischen Debatte von Angesicht zu Angesicht? Ja, in jedem Fall!

Letztlich bleibt eine zentrale Frage, die es sich zu stellen gilt: die nach dem Umgang mit der Freiheit. Welchen Weg wird unsere Generation einschlagen? Jenen, der Freiheit als Verlorenheit oder jenen, der Freiheit als Gestaltungsmöglichkeit begreift? Jenen der Angst oder den der Hoffnung?

Sich für eine Richtung zu entscheiden, heißt, sich - so oder so - Konflikten zu stellen. Obwohl man unserer Generation auch nachsagt, Auseinandersetzungen zu scheuen, kann daraus ein heilsamer Effekt hervorgehen. Denn bestenfalls verhelfen uns Konflikte dazu, Widersprüche, in denen wir leben, aufzulösen. Oder zumindest, einen bewussten Umgang mit ihnen zu finden.