Milo Yiannopoulos streitet mit Buchverlag "Unlustig"
Milo Yiannopoulos
Foto: Michael Masters/ Getty ImagesEr wurde nach rassistischer Hetze gegen die Schauspielerin Leslie Jones bei Twitter gesperrt und nannte Donald Trump in seltsam-kokettem Ödipalsprech "Daddy": Noch 2016 war der "Breitbart"-Journalist Milo Yiannopoulos in den USA so präsent wie kaum ein Rechtspopulist - und so kontrovers und deshalb vermarktbar, dass er von dem Verlag "Simon & Schuster" angeblich 250.000 Dollar Vorschuss für sein erstes Buch bekam.
Dann aber kam der tiefe Fall: Im Februar verbreitete sich im Netz ein Interview, in dem Yiannopoulos Kindesmissbrauch relativierte. Auftritte wurden abgesagt, bei "Breitbart News" trat er zurück. Sein Verlag kündigte den Buchvertrag. Yiannopoulus veröffentlichte "Dangerous" im Selbstverlag und reichte Klage ein. Die Absage an das Buch sei "opportunistisch" und ein "politisch motivierter Schritt" gewesen.
In dem noch immer fortlaufenden Rechtsstreit hat das Verlagshaus jetzt Mail-Konversationen und das vom Lektor kommentierte Manuskript vorgelegt, um zu belegen, dass es redaktionelle Sorgen um die Qualität des Buchs gab: In einer Mail im Januar 2017 machte der leitende Redakteur Mitchell Ivers deutlich, dass er das Buch in seiner jetzigen Form nicht veröffentlichen würde.
Über das Kapitel "Warum mich Feministinnen hassen" schrieb er etwa: "Es braucht ein stärkeres Argument als das, dass Feministinnen hässlich, geschlechtslos und Katzenbesitzerinnen sind." Und zu dem Abschnitt "Warum mich andere Homosexuelle hassen" merkte er an, Yiannopoulus brauche eine zentralere These als die, dass Homosexuelle ihr Outing wieder rückgängig machen sollten.
This section of Simon & Schuster’s rebuttal to Milo’s lawsuit over DANGEROUS. 🤭 pic.twitter.com/JxydVQpx4f
— Jason Pinter (@jasonpinter) December 27, 2017
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Im Netz machen einzelne Seiten mit Anmerkungen des Lektors die Runde, die den Irrsinn des Buchs besonders prägnant auf den Punkt bringen - das Lachen über Yiannopoulus ist der naheliegende erste Reflex. Aber tatsächlich zeigt das Nebeneinander von Yiannopoulus und Ivers darüber hinaus ein interessantes Missverständnis zwischen radikaler und liberaler Denkweise auf:
So lesen sich Anmerkungen und Manuskript zusammen wie ein unterhaltsames, aber gescheitertes Gespräch zwischen einem anti-intellektuellen Narzissten, dem es nur um die Grenzüberschreitung geht und einer vernunftgetriebenen Stimme, die zunächst noch glaubt, hier mit argumentativer Logik eingreifen zu können - etwa sachte versucht, Yiannopoulus weg von der Hetze hin zum Thema Meinungsfreiheit zu führen - aber mit steigender Seitenzahl zunehmend verzweifelt.
Auftritt mit Kubitschek geplant
Neben dem Kapitel "Warum mich hässliche Menschen hassen" strich Ivers auch frequent Yiannopoulus' Selbstbespiegelungen ("Der Unterhaltungswert meiner Veranstaltungen liegt in meinem gottesgleichen Aussehen, meiner charismatischen Aura und meinem legendären Geist"). Auch dass Yiannopoulus das Wort Lesbe als Beschimpfung verwendet und rassistische Witze einstreut, kritisiert der Lektor als "unlustig". Und als Yiannopoulus Transmenschen als "mental krank" bezeichnet, schreibt Ivers: "Ich werde kein Manuskript akzeptieren, das eine ganze Gruppe von Menschen als mental krank bezeichnet."
Zudem bemängelt er, dass Yiannopoulus wichtige Infos zur Onlinebelästigung von Leslie Jones - etwa, dass sie im Netz mit einem Menschenaffen verglichen wurde - schlicht ausspare. Und als Yiannopoulus eine Überschrift der "Guardian"-Journalistin Jessica Valenti als "Hate Speech" bezeichnet, merkt Ivers an: "Wenn diese Überschrift Hate Speech ist, ist DIESES GANZE BUCH Hate Speech."
Wie es weitergeht? 2018 wird der Rechtsstreit zwischen "Simon & Schuster" und dem Publizisten weitergeführt. Yiannopoulos, um den es zunächst ruhig geworden war, scheint sich derweil in seinen Kreisen zu rehabilitieren. In den vergangenen Monaten tourte er mit seinem Programm unter anderem in Australien; Ende 2018 soll er - unter anderem gemeinsam mit dem Deutschen Götz Kubitscheck, der häufig als Hauptdenker des rechtsextremen AfD-Flügels bezeichnet wird - auf einer Konferenz sprechen, die die ungarische rechtsnationale Regierung ausrichtet.