Mini-Haus "Diogene" von Renzo Piano: Eine süße Besessenheit
Stararchitekt Piano präsentiert Mini-Haus Wohnklo für Utopia
Langsam laufen. Ganz langsam. Am besten mit den Händen in den Hosentaschen. Und zuhören. Auf Geräusche hören, auf Menschen hören. Nur so könne man einen Ort verstehen, eins mit ihm werden. Das sei wichtig, wenn man Gebäude entwerfe, sagt Renzo Piano. Der italienische Stararchitekt, grünes Sakko, graue Stoffhose, blau-weiß gestreiftes Hemd mit Kugelschreibern in der Brusttasche, sitzt vor einem sehr, sehr kleinen Haus auf dem Firmengelände des Designunternehmens Vitra in Weil am Rhein. Hier stellt er sein neues Projekt vor. Es heißt "Diogene" und ist ein Mini-Haus, das Wasser sammelt und über Solarmodule selber Strom erzeugt. "Das ist Utopia", sagt Piano.
Doch vielleicht ist Piano selbst Utopia. Der 75-Jährige hat mit seinem Kollegen Richard Rogers 1971 das Centre Pompidou in Paris entworfen. Mitten in die Altstadt setzte er das Ausstellungshaus, bei dem sich Umstehende anfangs fragten, wann das Baugerüst endlich abgenommen wird und die umlaufenden Rohre verschwinden. Aber sie verschwanden nicht, denn Piano und Rogers hatten das Gebäude genau so geplant.
Piano, der Rebell von einst, ist einer der bekanntesten Architekten der Welt. Er entwarf das Terminalgebäude des Flughafens von Osaka, die Fondation Beyeler in der Nähe von Basel, das Zentrum Paul Klee in Bern, das New York Times Building, aber auch Kreuzfahrtschiffe, Kirchen und Wohnräume für Nonnen. Zuletzt entwarf er den umstrittenen London Bridge Tower. Der Wohn-und Bürokomplex ragt wie eine scharfe gläserne Dornenspitze vom südlichen Themse-Ufer aus in den Himmel und wird "The Shard", die Scherbe, genannt. Das Hochhaus ist mit 310 Metern und 95 Stockwerken das höchste Gebäude Westeuropas.
Robinson Crusoe der Architektur
Und jetzt das: ein Miniaturhaus. "Diogene" ist 3,2 Meter hoch und wiegt 1,2 Tonnen. Es hat nur eine Ebene, in der Wohnzimmer, Küche und Bad untergebracht sind - auf 2,40 mal 2,96 Metern Grundfläche. Es ist ruhig in der Enklave, der Geruch des verbauten Holzes liegt in der Luft. Es ist Platz für ein Ausziehbett und einen Tisch - und in der Küche für einen Teller, eine Tasse und einmal Besteck. Platz für ein bedürfnisloses Leben, wie es einst der antike Philosoph Diogenes im Fass führte. Eine Person, maximal ein Pärchen können sich hier aufhalten. Es soll ein Rückzugsort sein, für Leute, die die Einsamkeit suchen.
Schon als Renzo Piano 18 Jahre alt war, wollte er ein kleines Haus entwerfen. Damals lebte er noch in Genua, hineingeboren in eine Baumeisterfamilie mit langer Tradition. Und weil er das Meer und das Segeln liebte, baute er sich zunächst erst einmal ein paar Boote. Auch heute noch segelt Renzo Piano gern. Jeden Sommer einen Monat. Er ist jetzt 75 Jahre alt. "Man braucht jeden Tag ein bisschen Zeit für sich allein", sagt er. Die Welt sei voll von Informationen und Lärm, davon müsse man abschalten, die Stille suchen, in sich hineinhören, meditieren.
Der Architekt lacht viel, und wenn er etwas erklärt, dann gestikuliert er empathisch, schlägt die Hände auf die Oberschenkel. Er sieht sich selbst als eine Art Robinson Crusoe, der sich stets neuen Herausforderungen stellen muss. Gerade entwickelt er eine Schule für 50 Kinder in Costa Rica. Mit "Diogene" hat er sich einen Traum erfüllt. In dem kleinen Holzhaus, um das sich eine Aluminiumhaut zieht, die es vor Regen und Schnee, vor Sonne und Wind schützt, können sich Bewohner eigenständig versorgen. Photovoltaik-Zellen und Solarpaneele produzieren Strom, Wasser wird mit einem Regentank gesammelt, und es gibt eine Komposttoilette.
Ein gut durchdachter Prototyp
Piano will Bewusstsein für Nachhaltigkeit schaffen, den ökologischen Fußabdruck minimieren. Und zugleich die Freiheit des Wohnens fördern. "Diogene" lässt sich überall aufstellen. Binnen Stunden ist das Haus mit dem Boden verknüpft. Nur Regenrinne und Rollläden müssen vor Ort angeschraubt werden.
Schon vor zehn Jahren begann Piano damit, ein solches Haus zu entwickeln. In Genua realisierte er Prototypen aus Beton, Sperrholz und Holz, und vor vier Jahren präsentierte er die Entwürfe in einer italienischen Zeitschrift, die Rolf Fehlbaum in die Hände fiel. Der Chef des Designhauses Vitra, das Klassiker wie den geschwungenen Stuhl von Verner Panton oder den Lounge Chair von Ray und Charles Eames im Programm hat, begeisterte sich für die Idee der minimalen Behausung. "Hätten wir gewusst, wie viel Arbeit darin steckt, hätten wir es vielleicht gelassen", sagt er. "Es ist zwar sehr klein für ein Architekturprojekt, aber sehr groß für ein Designprojekt".
Noch nie habe er so viel Arbeit in den Quadratmeter investiert, sagt Piano. Er sei wie besessen von dem Projekt gewesen. Aber es sei eine "süße Besessenheit" gewesen, sagt er. Piano sieht das Mini-Haus nicht als Spielobjekt oder Zeitvertreib. Er nimmt "Diogene" ernst. "Wir haben jeden Fehler gemacht, den wir hätten machen können", sagt er. Das Haus sei zwar immer noch ein Prototyp, aber ein gut durchdachter. Ein Gebäude, das funktioniert, das mehrere Jahrzehnte stehen bleiben kann - im Schnee oder im Regenwald.
Viele Menschen haben schon Interesse gezeigt, heißt es bei Vitra. Wenn alles gut läuft, geht es nächstes Jahr in Serie. Die einfache Version soll 20.000 Euro, die Luxusversion 50.000 Euro kosten. Natürlich könne man da nicht für immer wohnen, sagt Renzo Piano. Aber eine Zeitlang? Piano selbst hat jahrelang in einem winzigen Büro gearbeitet. Er liebte das: "In einem kleinen Raum kann man keine Ideen verlieren."