Mitmach-Theater Gob Squad rettet die Welt
Im Theater zu sitzen, um einen Film zu sehen, also nur einen Film, keine livehaftigen Menschen, das mag irgendwie doof klingen: unbefriedigend und widersinnig. Ist es aber nicht. Zumindest nicht, wenn sich die Performer des deutsch-britischen Künstlerkollektivs Gob Squad das Konzept ausgedacht haben.
"Saving the World" heißt ihre neue Produktion, die am Donnerstag auf Kampnagel in Hamburg uraufgeführt wird. Sieben Leinwände werden die Zuschauer umringen. Auf ihnen sind Alltagsmenschen zu sehen, gefilmt wenige Tage zuvor auf einem öffentlichen Platz an der Mönckebergstraße, der Hamburger Einkaufsmeile. 21 Stunden lang, von drei Uhr morgens bis Mitternacht, agieren die Performer von Gob Squad dort als Animateure und Conférenciers. Sie lassen die Alltagsmenschen beschreiben, was die Welt in ihren Augen an diesem Ort in diesem Moment ausmacht: Was Liebe ist oder Geld oder Freiheit. Die Welt wird zur Bühne, damit die Bühne später zur Welt werden kann.
Die kreisförmig aufgebauten Kameras laufen nur, wenn auch ein Interview läuft. Wiederholt werde jedoch keine Aufnahme und auch nicht geschnitten, versichert Performer Simon Will. Sollte einer der Alltagsmenschen nicht kamera- oder mikrofontauglich sein, also unmöglich aussehen oder Unmögliches sagen Pech gehabt. Es entsteht ein Film, der scheitern kann wie jedes Theater. Improvisiertes Kino.
Seit ihrer Gründung 1994 holen Gob Squad das Theater in den Alltag und den Alltag ins Theater, meist mit Hilfe von Kameras. In der Show "Super Night Shot" etwa, mit der die Gruppe bereits seit sechs Jahren tourt, tigern vier Performer eine Stunde lang getrennt durch die Stadt und bitten Passanten, in einem Film mitzuspielen. Die vier Filme enden mit dem Einmarsch im Theater wo sie auf vier Leinwänden gezeigt werden, beinahe live. Wegen solch grandioser Ideen gilt Gob Squad als eine der wenigen Gruppen, für die der Weg aus der freien Szene zum Berliner Theatertreffen führen könnte. In den vergangenen Jahren fiel ihr Name immer mal wieder, wenn es um die Einladungen ging. Geklappt hat es nie.
"Saving the World" ist nun bereits die 28. Gob-Squad-Produktion. Von Hamburg tourt sie nach Mannheim und Berlin; an jedem Ort wird es eine neue Version geben. Entstehen sollen Zeitkapseln, erklärt Performer Will: Stadtporträts für eine unbekannte Zukunft.
Der Gegensatz zu den Reality-Shows des Fernsehens, zu den Mitmach- und Mitquatsch-Formaten könnte größer nicht sein. "Wir wollen die Leute nicht austricksen oder wie Idioten aussehen lassen", sagt Will. "Wir lassen sie wunderschön aussehen." Die Arbeit der Gruppe sei "sehr humanistisch", denn sie beweise: "Normal sprechende Menschen sind gut."
Zudem kopiert die Gruppe die Realität natürlich nicht einfach, sie baut einen Rahmen um sie herum und dieser Rahmen heißt Theater: ein Ort, an dem kein Ding ganz bei sich ist, auch kein Zitat eines Alltagsmenschen in einem Film, und sei es noch so authentisch. Das liegt daran, dass im Theater normalerweise alles live geschieht, also real ist, aber gleichzeitig etwas Fiktionales repräsentiert. Mit anderen Worten: Jemand tut etwas, und gleichzeitig tut er nur so. Dieses "Als ob" ist dem Ort eingeschrieben und insofern ist es kein Zufall, dass Gob Squad ihre Filmproduktion in Theaterräumen zeigen werden. "Das Theater setzt die Dinge in Anführungszeichen", sagt Will. Es setzt die Dinge aufs Spiel und die Zitate ohnehin.
Tourdaten:
Hamburg: Uraufführung 12. Juni, weitere Vorstellungen 13. 15. Juni, jeweils 21 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20, www.kampnagel.de , Telefon 040/27094949.
Mannheim: 18. 20. September, zeitraumexit, Hafenstraße 68 72, www.zeitraumexit.de , Telefon 0621/3709830.
Berlin: 8. 12. Oktober, HAU 2, Hallesches Ufer 32, www.hebbel-theater.de , Telefon 030/25900427.