Mitteilsamer Philosoph Hans-Georg Gadamer wird 100
Heidelberg - Hans-Georg Gadamer gilt seit Jahrzehnten als de Nestor der deutschen Gegenwartsphilosophie. Auch in anderen Ländern wurde er eine Berühmtheit, stets gefragt als Vortragender oder Teilnehmer an Symposien. Er ist eine imponierende Persönlichkeit, ein Mann ebenso von gewinnendem Wesen wie von aristokratischer Erscheinung. Am Freitag feiert er in erstaunlicher Rüstigkeit in Heidelberg seinen 100. Geburtstag.
Es ist kennzeichnend für Gadamer, wie wichtig ihm immer das Gespräch war, gerade auch das mit seinen Studenten. Selbst in seinem hohen Alter empfängt er in seinem Haus im Heidelberger Stadtteil Ziegelhausen regelmäßig Gesprächspartner. Zweimal in der Woche hält er sich im Philosophischen Seminar der Universität auf. Unter seinen bevorzugten Auslandskontakten ist seit mehr als zwanzig Jahren das "Istituto per gli studi filosofici" in Neapel. Er ist auch Ehrenbürger der Stadt. Auch für die nächste Zukunft ist dort ein Besuch, mit Station in Rom, geplant. Gadamer spricht gut italienisch.
Auch über das gegenwärtige Schwinden der Gesprächs- und Lesekultur wegen des zunehmenden Einflusses der Medien und der neuen Kommunikationsmittel macht sich der Hundertjährige Gedanken: "Die Einseitigkeit der technischen Kommunikationen wird notwendigerweise dazu führen, dass eine Gegenwirkung eintritt", sagt der Philosoph, "intimere Dinge wird man erst recht im persönlichen Umgang suchen. Insofern glaube ich nicht, dass die Handelssprache alles vertilgt".
Der in Marburg geborene und in Breslau aufgewachsene Sohn eines Naturwissenschaftlers war Schüler des einflussreichsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Martin Heidegger (1889-1976). Anschließend an dessen Hermeneutik - Lehre vom Verstehen - des Daseins entwickelte er dann seine eigene philosophische Hermeneutik.
Es folgten Professuren in Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg. In der Neckar-Stadt lehrte Gadamer bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1968. Auch danach blieb er wissenschaftlich tätig und prominenter Gast auf Tagungen und bei Seminaren. Gadamer ist Träger des Ordens "Pour le mérite" und mehrfacher Ehrendoktor.
Der 100-Jährige über die Globalisierung
Der Kernbegriff seiner Philosophie ist das "Verstehen". Gadamer lehrt es in seinem Werk als grundlegende Haltung zur Welt und zu den Menschen. Das bedeutet konkret, dass die Bestände der kulturellen Überlieferung immer wieder neu interpretiert werden, und zwar im Licht der Gegenwart und auch im Licht einer offenen Zukunft. Hier findet sich nach Gadamers Lehre die wichtigste Wahrheitserfahrung - vorrangig nach den Erkenntnissen moderner Wissenschaft.
Schwerpunkt ist das Verstehen des in Texten überlieferten Menschheitswissens, besonders in klassischen Werken. In der Begegnung mit ihnen ergibt sich eine fruchtbare Verschmelzung des Sinnhorizonts des Textes mit dem eigenen Horizont. Die überlieferten Texte können immer nur vom eigenen Deutungshorizont her verstanden werden, meint Gadamer.
Erst als 60-Jähriger stellte Gadamer seine Lehre in der Arbeit "Wahrheit und Methode" dar. Sie ist inzwischen ein philosophisches Standardwerk, auch in anderen Sprachen.
Besonders wichtig für ihn selbst ist von seinen frühen Studien an die Begegnung mit Texten der griechischen Antike. Seine Hermeneutik umfasst aber alle Formen des Verstehens, ist eine allgemeine Geisteshaltung. Sie zeigt sich besonders im Zuhören und im Dialog, in der Bereitschaft, sich in die Sicht des Anderen zu versetzen, ihm auch Recht zu geben, fremde Fragen zu eigenen werden zu lassen.
Votum für die praktische Klugheit
Hermeneutik kann auch als Weg zu einer vertieften Selbst- und Lebenserfahrung gelten. Die praktische Klugheit und der Gemeinsinn sowie der Geschmack und eine Bildung, die nicht auf reine Vernunfterkenntnis reduziert ist, sind ebenfalls Bestandteil des hermeneutischen Horizonts. Gadamers Lehre beschreibt die Möglichkeit des Sichverständigens in einer pluralistischen Welt. In ihr sind das Aufeinanderhören und das Offensein für den anderen besonders wichtig. Auch die Globalisierung stellt neue Aufgaben des Verstehens und Sichverständigens im Gadamerschen Sinne - sehr konkret etwa bei den Problemen der Ökologie und der Weltorganisation.
Der Heidelberger Philosoph hält die Wertbegriffe einer "kommunikativen Subjektivität" in der heutigen Zeit und zukünftig für sehr bedroht. Und zwar durch Formen privater Vereinzelung wie auch durch Totalitätsansprüche der Politik und der modernen Wissenschaft mit ihrer Ausrichtung auf Objektivität und Objektivierung. Dagegen lehrt seine Hermeneutik, wie das Individuum durch Aneignung geistiger Tradition ein Urteilsvermögen ausbildet, mit dem auch drohender technokratischer Entfremdung widerstanden werden kann.
Da die Vermittlung menschlichen Wissens immer mehr Sache anonymer Apparate und Institutionen wird, erinnert Gadamer an den humanen Wert besonnenen Lesens. Er will, dass der Mensch nicht nur liest, um zu wissen, wie es gewesen ist, sondern vor allem, um zu lernen, wer er selbst ist und was er sein kann.