Mode aus Nahost: Schmück Dich mit Stacheldraht! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mode aus Nahost Schmück Dich mit Stacheldraht!

Reaktionen auf die Nahost-Krise: Israelische und palästinensische Designer verflechten modische und politische Statements.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tel Aviv - Eine Modenschau in Tel Avivs Ascola Designschule zeigt seit kurzem die neuesten Kreationen von 22 Modeschöpfern aus Israel und Palästina, die sich - ebenso wie westliche Designer - mit dem Thema Military Look auseinander setzen. Das Revival der Helme, Flak-Jacken und Tarnmuster hat bei den nahöstlichen Kreativen jedoch noch einen weitaus ernsteren Hintergrund. Die jungen Designer reagieren mit ihrer provokanten Mode auf den seit fünf Monaten andauernden neuen Konflikt zwischen Palästina und Israel, in dessen Verlauf mehr als 420 Menschen starben.

"Diese Arbeiten sind das Resultat eines Zusammenbruchs der Normen im sozialen und politischen Kontext und die Geburt eines neuen Mode-Bewusstseins, eines neuen Stils, in dem Krise und Unterdrückung zum Ausdruck kommt", sagt Ronen Raz, Direktor des Fachbereichs Mode der Ascola-Schule. "All dies hat mehr mit Krisenbewältigung als mit Kommerz zu tun".

Offenbar, denn wer würde schon allen Ernstes seinen Blick mit einer Brille schärfen wollen, die Stacheldraht anstelle von Gläsern enthält, wie das Modell des palästinensischen Designers Itamar Arari. Der israelische Modeschöpfer Ronen Levine setzt dagegen ein bodenlanges Zwangsjacken-Gewand aus Keffiyeh, dem traditionellen Stoff arabischer Kopfbedeckungen, das er mit einer jüdischen Gebetskappe (Kipa) kombinierte. Der Clou dieser kulturverknüpfenden Kreation: eine ebenfalls aus Keffiyeh geflochtene Kordel, die sowohl als Halsband als auch als Galgenstrick fungiert - eine ganz neue Bedeutung der Formel "dressed to kill". "Die Kipa geht in etwas über, das den Hals zuschnürt, und die Keffiyeh-Jacke fesselt die Arme - ein direkter Bezug auf die Blindheit und Intoleranz, die durch Religionen und traditionelle Lebensweisen entsteht", kommentiert Raz.

Sehenswert ist auch das Abendkleid des arabischen Designers Kamil Shaheen, in dessen aus Stacheldraht gefertigtem Rock er eine Bomben-Attrappe versteckte. Passend dazu gibt es die Handtasche von Ophir Raz, hergestellt aus Sicherheits-Röntgenaufnahmen von Pistolen, Messern und Handgranaten. "Als Modedesigner versuchen wir Symbole und Elemente zu erschaffen, die einen israelischen Modestil definieren, etwas, das nur hierher gehört", sagt Ronen Raz. Und wirklich: Wo anders als in Israel und Palästina könnten Symbole des religiösen Fundamentalismus plötzlich todschick wirken?