Mode: Zu viel ist nicht genug - DER SPIEGEL
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Mode Zu viel ist nicht genug

Die amerikanischen Schwestern Kate und Laura Mulleavy verändern mit ihrem Eigensinn die Mode.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man kann kaum in größerer Entfernung zur Welt der Mode aufwachsen als die Schwestern Kate und Laura Mulleavy. Sie leben noch heute bei ihren Eltern in Pasadena, einem Vorort von Los Angeles, in dem man jederzeit und überall in kurzen Hosen und bequemen Schuhen auftauchen kann. Ihr Vater ist Pilzforscher.

Und als Kate und Laura noch Kinder waren, schleppten ihre Eltern sie immer wieder ins nahe Huntington-Museum, wo sie Van-Dyck-Gemälde und altes Porzellan bewunderten und durch die wunderbar angelegten Gärten streiften. Alles sehr sympathisch, ein wenig spinnert und individualistisch und überhaupt nicht geprägt von jenem Einheitsstil, der dank irgendwelcher Trend-Zeitschriften auch noch den letzten glamourhungrigen Teenager in der amerikanischen Provinz verderben kann.

Wahrscheinlich stattete eine Jugend wie diese die beiden Schwestern mit genau jener Mischung aus Eigensinn, Selbstsicherheit und Naivität aus, die sie im Winter des Jahres 2005 in ein Flugzeug nach New York steigen ließ. Sie hatten zehn Kleider dabei. Wegen eines Schneesturms mussten sie in Boston landen. Sie nahmen den Zug nach New York, im Gepäck die riesige, sperrige Box mit den heute legendären ersten zehn Entwürfen.

Vorher hatten sie Papierpuppen gebastelt und ihnen kleine Kopien ihrer Kleider angezogen. Diese Puppen hatten sie an alle Leute im New Yorker Modebusiness geschickt, die ihnen irgendwie wichtig erschienen. Anna Wintour war darunter, die Chefin der amerikanischen "Vogue". Auch jemand aus der Redaktion von "Women's Wear Daily" ("WWD"), der Zeitschrift, die über Erfolg und Misserfolg in der amerikanischen Mode entscheidet.

Natürlich mag man das Märchenhafte an einer Geschichte wie dieser, denn die beiden Schwestern, die sich als Modedesignerinnen nach dem Mädchennamen ihrer Mutter Rodarte nennen, waren wenige Tage später auf dem Titel von "WWD". Und heute, nur gut drei Jahre später, kosten ihre Kleider bis zu 40.000 Dollar. Sie werden von Zauberwesen wie Cate Blanchett, Natalie Portman oder Keira Knightley getragen, Reese Witherspoon erschien zur diesjährigen Oscar-Verleihung in einer spektakulären blau-schwarzen Chiffonrobe, die sie wie ein Wasserfall umfloss.

Doch das Großartige am Aufstieg von Kate, 30, und Laura, 28, ist weniger ihr rascher Erfolg als die eigenwillige Entschlossenheit der Mulleavys, etwas anders und neu zu machen. Ganz anders und ganz neu.

Ein Kleid von Rodarte ist erst einmal eine Überforderung. Da finden sich so viele Raffungen und übereinanderliegende Stoffschichten, Perlenstickereien, Plissees, Rüschen oder bauschende Schleppen, dass man nur staunen kann. Kreuz und quer stoßen die verschiedensten Materialien aneinander. Und doch sehen ihre Kleider nie überladen aus, im Gegenteil, sie sind lässig und elegant zugleich, genau jener dernier cri, der so schwer zu finden ist und nach dem sich jede Frau, die Spaß an Mode hat, immer wieder auf die Suche begibt.

In einem Interview mit einer US-Zeitschrift hat Kate Mulleavy einmal von einer Kurzgeschichte J. D. Salingers erzählt, die sinnbildlich ist für ihre Kreationen. Darin ist der verliebte Held mit einem Mädchen verabredet, das ein gelbes Kleid trägt. Nach dem Rendezvous betrachtet er die Hand, mit der er den Stoff dieses Kleides berührte, und sieht das Gelb an seiner Hand leuchten. "Das ist es, was wir schaffen möchten, Kleider, die in Erinnerung bleiben und Spuren hinterlassen", sagt Kate.

Provokant daran ist, wie mühelos ihnen das offenbar gelingt. Denn ganz nebenbei stellen die Mulleavys mit ihrem Erfolg auch das ganze aufgeblasene Getue einer Branche in Frage, deren Selbstinszenierung oft größer ist als ihre Kreativität.

Die Mulleavys haben Literatur und Kunstgeschichte in Berkeley studiert. Auf dem Stundenplan stand auch mal ein Seminar über Kostümkunde, aber im Grunde war es völlig ausreichend für die beiden, ein altes Haute-Couture-Kleid von Chanel auseinanderzutrennen und dessen Schnitt genau zu studieren, um das nötige Handwerkszeug zu lernen.

Alles andere ist eine für ihr Alter erstaunliche ästhetische Entschiedenheit. In ihrem Atelier in Los Angeles probieren sie viel aus, sie färben spektakuläre Farbverläufe in Chiffonbahnen, reißen Stoffe auseinander, kombinieren Metallfolie mit Seide. Ihre Inspirationen holen sie sich auch aus Comics und Horrorfilmen, das erzählen sie immer wieder, darüber hinaus erinnern ihre Entwürfe an die Welt früher David-Lynch-Filme wie "Blue Velvet".

Denn wenn Rodarte-Kleider auf den ersten Blick auch sehr glamourös wirken - in den Entwürfen schwingt immer etwas Gebrochenes, Morbides mit. Als sollten sie signalisieren: Die Schönheit ist nicht ohne Bruch zu bekommen. Für ihre Winterkollektion im Jahr 2007 entwarf der Schuhdesigner Christian Louboutin Stiefeletten und Pumps, die mit langen Stacheln besetzt waren; "mir gefällt die Idee, etwas Schönes mit etwas zu kombinieren, das gefährlich aussieht", sagt Kate Mulleavy. Die beiden besitzen selbst einige Paare davon, würden sie aber nie tragen.

Man sieht die Mulleavy-Schwestern auch nie in einem ihrer Kleider. Sie laufen von jeher in schlichten T-Shirts oder Pullovern, schmalen Hosen und bequemen Schuhen herum. "Es ist schon seltsam: Wir mögen Kleider nicht besonders ... wir entwerfen sie nur gern", sagt Kate. Mode ist für sie eine Traumwelt, in der sie ihre Phantasien miteinander kurzschließen.

In dieser Traumwelt funktionieren sie bestens, zwei Ästhetinnen, die auf derselben Umlaufbahn kreisen, die den Alltag, die übrige Welt oft außen vor lassen. Vielleicht sind sie auch deshalb so unbeirrbar, weil sie zu zweit sind. Ihre Unbeirrbarkeit jedenfalls ist ihr größtes Talent.