Model-Debatte Auftritt des Rippenmädchens
Es geistert eine Figur durch den deutschen Blätterwald, so schrecklich und bedauernswert, dass sie aus einem Brecht- oder Kroetz-Stück sein könnte: das Rippenmädchen. Ist's eine morphiumsüchtige Kinderprostituierte, die von der Ausmerzung verfressener Bürger träumt? Oder eine geschändete Bauerntochter, die den Mistgabelmord an ihren Peinigern plant? Nein, es ist die "süße Céline, 22, Musikstudentin aus Wien" ("B.Z."), die nach nur zwei Wochen Klums Wettbewerb-Show verließ.
Das Rippenmädchen hat das Zeug zur ideologischen Galionsfigur; zur Debatte steht mal wieder der Körper als ausgeweitete Kampfzone. Hier prallen sie aufeinander, die drängenden Fragen von Klasse und Geschlecht, und der Boulevard findet wie so oft die besten Metaphern für den Konflikt. Wenn, wie die "B.Z." mokiert, Heidi Klum in McDonald's-Werbespots kalorienreiche Hamburger mampft, Rippenmädchen Céline aber "heimlich ein bisschen Obst" kaufen muss und von ihren Mitstreiterinnen bedrängt wird ("Da stürzten sie sich auf mich, wollten wissen, woher ich das habe"), dann hat sich das Drama vom feisten Bourgeois und den hungernden Arbeitern ein neues, breit vermarktbares Bild geschaffen.
Die alte Erzählung von der kapitalistischen Ausbeutung lässt sich so für die mediale, nach-industrielle Welt noch einmal beleben. Mag sich der Körper als kreatürliches Phänomen in der Welt digitaler Technologien immer mehr verflüchtigen, hier taugt er noch mal zur strammen Chiffre für eine Kontroverse, die eigentlich so uncool ist wie Seal beim Kölner Karneval. Klum, die Burger-Schlemmerin, und ihre Rippen-Girls: In dieser Konstellation wird das Auszehrende an der Marktwirtschaft augenfällig und zur perfekten Medienstory jenseits kritischer Allüren.
Auf dem Laufsteg der Ideologie paradiert die Geschichte aber auch in die genau entgegen gesetzte Richtung: Mit dem Rippenmädchen tritt das Schreckgespenst der subversiven Verschwendung auf den Plan. Junge Frauen im besten Alter als Hungerkünstlerinnen: Im geburtenschwachen Deutschland, wo Mütter so dringend gebraucht werden und der Nachwuchs, Pisa-gedemütigt, vom intellektuellen Idealmaß weit entfernt ist, ein Affront. Dies ist ja die große Provokation, die Kate Moss ihren Auftraggebern zumutete: dass sie die kostbarste aller Waren, ihren Körper, der Tauschlogik entzog und eine hochwertige Ressource munter der Selbstauslöschung preisgab.
Wer sich derart unkalkuliert verausgabt und damit einen Aktivposten der Modeindustrie zerstört, kann nicht ungestraft davon kommen: Chanel und H&M kündigten laufende Werbeverträge, die Presse sprach von einem Skandal. Skandalös war letztlich zwar nur die Bigotterie, mit der man eine Suchtkranke vorführte - bei Klum und ihren Adepten muss die Message jedoch angekommen sein. Wie sonst ließe sich der Offene Brief erklären, der heute als ganzseitige Anzeige in drei großen Tageszeitungen veröffentlich wurde? Da erklärten die Klum-Mädchen, dass es ihnen gut gehe, die Geschichten hätten "nichts mit dem zu tun, was wir erleben". Niemand müsse hungern, "im Gegenteil: Die Buffets sind superlecker".
Nicht ein, gleich mehrere Buffets stehen also bereit, die angehenden Starmodelle zu nähren, von Mager- und Drogensucht keine Spur. Der "Heroin Chic", deren Ikone Moss in den neunziger Jahren war, die Bad-Girl-Pose, die Presse und Modeunternehmen verdammten, um noch besser an ihr zu verdienen, sie sind das Feindbild, dem es vollmundig zu widersprechen gilt.
Während die katastrophale Kate in der letzten "Vogue"-Ausgabe Filmbilder aus Jean Cocteaus "La belle et la bête" über ihren Körper flimmern ließ und sich damit als Projektionsfläche für das Monströse der Populärkultur inszenierte, erklärt die Klum-Liga: "Wir lachen, lernen und laufen - und kommen unserem großen Ziel Tag für Tag einen Schritt näher." Das klingt wie ein Slogan der FDJ aus den fünfziger Jahren, nur dass die Utopie diesmal nicht Kommunismus, sondern perfektes Marketing heißt.
Dass die Selbstzurichtung zum Kleiderständer, die Modelagenturen, Fotografen und Modeunternehmen die Zukunft sichern soll, "harte Arbeit" ist, wissen sie natürlich, die Next Topmodels deutscher Nation. Entschuldigend wird in der Anzeige aber angefügt: "Die harten Regeln für die Modewelt haben sie (Klum und ihr Team; Anm. d. Red.) aber nicht aufgestellt." Raffinierter, marktwirtschaftlich verschlankter Hegelianismus: Die vom Weltgeist verfügten Reglements kann der einzelne lediglich exekutieren, ändern kann er sie nicht. Widersetzen kann er sich ihnen nur - siehe Moss - um den Preis der Vernichtung.
Die Modelbranche mit ihren Schlankheits- und Jugendgeboten als mythische Zone, in der a priori gelitten, gekämpft, geschuftet werden muss: Ein brechtsches Rippenmädchen passt da nicht ins Bild. Es verdirbt nur den Appetit.