Modespektakel "Beautiful World" Botox und Nonnenoutfits
Aus den Lautsprechern dröhnt eine gesampelte Version der Denver-Clan Titelmusik. Models mit bandagierten Köpfen und überdimensionalen Plastiklippen stolzieren über einen provisorischen Catwalk. Im Hintergrund laufen Videoaufnahmen von überfüllten Kaufhäusern. Und zwischendurch flimmert das Logo von McDonalds über eine riesige Leinwand. Dies ist nicht etwa die Trashversion von "Germanys next Topmodel". Dies ist ein Ausschnitt aus Fanny Bouyaguis neuestem Stück "Beautiful World".
Mit ihrem Modespektakel war die französische Installationskünstlerin gestern zu Gast im Berliner Hebbel am Ufer. Und was dort auf den ersten Blick wie das reinste Performancechaos wirkte, hatte durchaus Konzept. Denn Bouyaguis bildgewaltige Shows, in denen sie Mode, Videoinstallation und Soundcollagen mixt, thematisieren stets dasselbe: die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers.
"Ich will zeigen, dass der Körper der Frau ein Teil unserer fetischisierten Werbe- und Warenwelt geworden ist" erzählt die Chefin der Künstlergruppe Art Point M. "Deshalb reflektieren meine Shows eine Gesellschaft, die sich immer stärker über Äußerlichkeiten definiert." Die Ursprünge dieser Oberflächlichkeit wähnt sie vor allem in den Schneiderstuben der internationalen Modehäuser. Zwar werden die Stereotypen der Modewelt mittlerweile auch auf den Laufstegen in Paris und Mailand verhandelt. Doch dieses Argument wischt Bouyagui mit einer Handbewegung weg: "Wir blicken dann doch etwas tiefer als Gaultier oder Gabbana."
Gebrochene Laufsteg-Ästhetik
Teilweise gelingt ihr das tatsächlich. Denn das, was auf dem Laufsteg des HAU zunächst verdächtig nach konventioneller Modeästhetik aussieht, wird auf der Leinwand dahinter überzeugend gebrochen. Schon die Größenverhältnisse sorgen für interessante Perspektivverschiebungen, da die Models vor der überdimensionalen Leinwand wie kleine Puppen wirken. Blutige Einläufe, Botoxspritzen und eine Abhandlung über das Fettabsaugen besorgen den Rest in Großaufnahme.
Einige Theatergänger sind aufgewühlt. Und darauf hatten die Veranstalter von France en Scéne wohl auch gesetzt, als sie Art Point M. nach Berlin einluden. Das Festival, das seit 10. März auf verschiedenen Bühnen der Stadt gastiert, hat schließlich einen Ruf zu verteidigen. "Literaturtheater war gestern. Auf Frankreichs Bühnen spielt sich aber schon seit geraumer Zeit Neues und Innovatives ab" erzählt Celine Roblot vom Bureau du Théatre et de la Danse in Berlin. "Mit France en Scène wollen wir zeigen, dass mittlerweile auch interdisziplinäres Theater in Frankreich einen hohen Stellenwert hat." Schauspielstars wie Patrice Chérau, Choreografen wie Mathilde Monnier und das neue Regiewunderkind Joel Pommerat wurden geladen, um ein für alle Mal mit den Vorurteilen aufzuräumen.
Fanny Bouyagui muss sich hinter den großen Namen nicht verstecken. Denn vor allem sie demonstrierte mit "Beautiful World" ein Bilderbuch ihres interdisziplinären Könnens. Installation, Fashion-Performance, Video-Präsentation und elektronische Musik verschmolzen elegant miteinander, während die vor Ort gecasteten Models anschaulich aufzeigten, was nach einer Schönheitsoperation alles passieren kann.
Selbstkreierte Collagen
Auf das Sampeln versteht sich Bouyagui, die nach einem Kunststudium ein interdisziplinäres Team aus Musikern, Videokünstlern und Technikfreaks um sich scharte und für ihre Modeperformances sogar das Nähen lernte. Die Nonnenoutfits mit Martin Luther King Aufdruck, Tierschädelaccessoires und Jesusketten für "Beautiful World" hat die Chefin sogar selbst kreiert. Auch hat sie die digitale Bilderwand zusammengestellt, auf der Logos von IBM, VW und McDonalds, sowie Hammer und Sichel oder Yin und Yang abwechselnd aufblitzen.
Wenngleich die Videocollage überzeugt, reicht sie nicht aus, um ein inhaltliches Konzept zu tragen, und am Ende lässt die Performance von Fanny Bouyagui nicht ganz so tief blicken, wie ursprünglich angekündigt.
Die Arbeitsbedingungen von Art Point M. hingegen sind um einiges aufschlussreicher. Da die Künstlerin mit den wilden Dreadlocks auch mit knapp 50 ein erklärtes Kind der Dot.com-Generation ist, organisiert sie seit zwei Jahren ein Festival für elektronische Kunst, reist ansonsten mit ihrem Laptop durch die Welt und fühlt sich überall wohl, wo ihr MAC auf einen WLAN-Anschluss trifft. Und weil die Technik es möglich macht, gönnt sie sich und ihrer Truppe den Luxus des Reisens. Und hin und wieder ist sogar eine Fashionshow drin - aus rein beruflichen Gründen versteht sich.
Wer Bouyagui darauf anspricht, dass ihr Leben doch recht eng mit der zu kritisierenden Glitzerwelt verbandelt ist, der erntet ein beschwichtigendes Lächeln. Und ein Geständnis: "Natürlich bin ich ein Teil der Industrie. Ich würde lügen, wenn ich das Gegenteil behauptete. Und am Ende noch ein kleines Geständnis: Jadore la mode."