Möbeldesign: Sofas für graue Panther - DER SPIEGEL
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Möbeldesign Sofas für graue Panther

Die Deutschen sind Weltmeister im Einrichten. Damit sie das auch bleiben, setzen die Möbelhersteller entsprechend der demografischen Entwicklung auf altersgerechtes Design. Was da für wunderliche Dinge herauskommen! Ein Rundgang über die Kölner Möbelmesse.
Von Roland Groß
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es besteht kein Zweifel, die Zeiten der großen, alles beherrschenden Designwellen sind lange vorbei. Ob nun die kunterbunte Memphis-Philosophie oder das Pentagon-Design, gefertigt mit dem Vorschlaghammer und mächtig viel Post-68er-Denke: Auf der Kölner Möbelmesse ist nichts davon zu finden.

Die weltweit größte Fachveranstaltung mit 1300 Unternehmen aus 60 Ländern auf 300.000 Quadratmetern wird getragen von einer Krisenbranche. Dennoch propagiert die Möbelindustrie, die 2006 über 15 Prozent Umsatzeinbußen zu verbuchen hatte, seit Jahren, "dass sich der Kunde selbstbewusst seinen eigenen Mix zusammenstellt". Das erklärt jedenfalls Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie.

Aber das sagt der Mann gezwungenermaßen eigentlich jedes Jahr, denn es ist sein Job, den möblierten Alltag wortreich aufzuwerten. Obwohl man meinen sollte, dass die Deutschen ohnehin alles haben, sind sie nach wie vor Weltmeister im Möbeleinkaufen: über 370 Euro pro Nase geben sie im Jahr für die Verschönerung des Heimes aus. Außerdem rangiert das Interesse an Möbeln und am Einrichten laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage noch vor dem Fußball - trotz des deutschen Sommermärchens.

Abduschbare Sofakreationen

So werden denn heuer so genannte "intelligente" Sofasysteme mit Stabilo-Baukasten-Philosophie angepriesen, die sich umstecken lassen für alle Erfordernisse zwischen Paarung und Parlieren. Koloriert wird das Ganze in diesem Jahr von Dunkellila über Aubergine bis zu zurückhaltenden Erdtönen. Mancherorts kommen goldummantelte, umsteckbare Stützen hinzu. Und das Sofa mit den zwei Dutzend Möglichkeiten heißt "Plupp" weil es ebendieses Geräusch macht, wenn man seine Form ändert. Nicht zu vergessen das singende Kanapee, das auf Knopfdruck den MP3-Player anwirft.

Ob all dies demoskopisch damit zu tun hat, dass sich zunehmend graue Panther auf dem Diwan der Methusalem-Zukunft fläzen werden? Zumindest die intelligenten Matratzen lassen diesen Schluss zu. Sie können Sphärenmusik aussenden und belebend vibrieren, sich (wie Autositze) Liegevorlieben merken und sind auch noch abduschbar.

Daneben viel positives Weiß, eher wenig Schwarz, wobei die beiden klassischen Unfarben vor allem von der Post-Bauhaus-Fraktion und den Italo-Desingschmieden vereinnahmt werden. So werden hier unter dem Stichwort "Bauhaus und Umfeld" nie realisierte Entwürfe oder Möbelkonzeptionen vorgestellt. Ähnliches gilt für den "De Stijl"-infizierten Rob Parry, dessen große Schaffensperiode zwischen 1945 und 1960 lag und dessen Briefkästen seit 50 Jahren die Niederlande zieren.

Möbel für den Lebensabend

Senioren sollen im Kommunikationszeitalter an großen, gediegenen Holztischen Platz nehmen. Riesentische kommen in allen maserträchtigen Hölzern daher, nicht selten umquadert von Sitzbänken: die neuen Kulissen für die Hütten-(Lebens-)abende designbewusster Munter-Senioren. Neben seinen gewaltigen "Zebrana"-Platten hat der Krefelder Designer Franz-Josef Schulte eine heimelige Feuerbank entwickelt. Aus dem mittigen Edelstahlkorpus lodert es beschaulich, links und rechts davon ist viel Platz für formschönes Verweilen, wahlweise auf Nussbaum, Edelkirsche, Olive.

Für die gehobene Art des Fit-Bleibens, in welchem Alter auch immer, hat sich ein Phänomen wie "Technogym" ins Möbelmessen-Angebot eingeschlichen: Edelstahl-Foltermaschinen vom Feinsten, die sich in den Mix aus Kubus und Kuschelecke einpassen.

Nicht nur für die Zeit während der körperlichen Betätigung stellt die Branche inzwischen Steuersysteme bereit, die in Badezimmerspiegel integrierte Bildschirme ebenso dirigieren wie die Garzeit der fettarmen Hähnchenbrust im Ofen. Dieser lässt sich übrigens, in einen gewaltigen Tresen mit einer High-Tech-Steinplatte integriert, hoch und runter fahren von 70 Zentimeter bis auf die Bar-Höhe von 1,16 Meter. Merke. Wellness-Wohnen, zwischen Kochen, Verzehr und Gymnastik, schickt sich an, die Soziologie des Zimmers nachhaltig umzubauen.

Ihren Design-Gipfel feiert die Kölner Möbelmesse nun bereits im vierten Jahr mit dem so genannten "Ideal House". In diesem Jahr wird der Wohn-Futurismus von der Star-Architektin Zaha Hadid und dem Japaner Naoto Fukasawa gestaltet, der lange Kreativdirektor von Muji war, des erfolgreichsten japanischen Designkaufhauses.

Hadid propagiert wie gewohnt die ausbrechende Form, die den Raum verschlingen will. Ihre aufgelösten Lampen- und Sofaboliden erstarren zu undefinierbaren Knochen- und Bleiguss-Fomationen: Embryonalphasen der Funktion? Der Japaner Fukasawa schafft poetische Schlichtheit mit direktem funktionalem Zugang und viel Raum für mögliche Veränderung.

Und wieder kann sich der Kunde seinen eigenen Wohn-Cocktail zusammenstellen. Na denn, Prost!


Internationale Möbelmesse Köln , am 20. und 21. Januar für Publikum geöffnet.