Mohrs Deutschlandgefühl Olé, Olé... Oje?
Nehmen wir nur mal diesen Montagmorgen, und vergessen wir für einen Augenblick die Patriotismusdebatte.
Normalerweise läge uns ja noch "Sabine Christiansen" von gestern Abend im Magen und auf der Seele, bevor wir die warme Junisonne zwar irgendwie registrieren, aber nicht wirklich wahrnehmen würden. Denn schon die erste Zeitungsschlagzeile hätte die Laune verdorben, bevor sie überhaupt irgendeine Chance gehabt hätte, sich "Spirit"-mäßig zu entwickeln.
Dann ginge es ins Büro oder sonst wo hin zur Arbeit, die gerade am Montag eine noch größere Gemütsbelastung ist als sonst. Unterwegs hätte man natürlich in lauter Gesichter geschaut, die noch müder, leerer oder gar deprimierter aussehen als das eigene.
Oje oje oje...
Dass es seit zehn Tagen nur noch Olé! Olé! Olé! heißt, liegt natürlich zuallererst am Fußball, am außergewöhnlichen und wunderbaren Spektakel einer Weltmeisterschaft.
Aber es liegt auch daran, dass "Sabine Christiansen", der zentrale Ort deutscher Jammerkultur, schon zweimal nacheinander, der WM sei Dank, ausgefallen ist.
Wir hören nichts mehr von Frank Bsirske und Guido Westerwelle, auch nichts von Arbeitgeberpräsidenten und Wirtschaftsforschern, den berüchtigten Auguren des "Standort Deutschland", der selbstredend das "Schlusslicht in Europa" ist, nationaler Abstieg und demografische Auszehrung des geburtsschwachen Volkskörpers inklusive.
Das gewohnt hysterische Trommelfeuer, durch den professionellen medialen Alarmismus noch verstärkt, macht mal Pause. Endlich. Allein das ist sehr erholsam.
Da erschüttert uns die heutige "FAZ"-Schlagzeile "Haushaltsrisiken in Milliardenhöhe" nicht wirklich. Denn seit wir denken können, und das war etwa seit Willy Brandts erster Kanzlerschaft 1969, gab es immer wieder Haushaltsrisiken in Milliardenhöhe.
Außerdem wissen wir, dass morgen oder übermorgen die Meldung kommen wird, Russland zahle vorzeitig Staatsschulden an Deutschland "in Milliardenhöhe" zurück. Oder die Nachricht, dass Bund und Länder durch den Wirtschaftsaufschwung überraschend mehr Steuern eingenommen haben natürlich nur bis zum nächsten Haushaltsloch.
Kurz, wir sind in diesen Tagen schon etwas italienischer geworden. Gewiss, nur etwas, und allzu viel soll es auch nicht werden. Denn wir wollen gar nicht mehr unbedingt Italiener, Franzosen, Griechen oder Brasilianer werden wie einst, als wir uns mit Hilfe von kaltgepresstem Olivenöl, selbstgebastelten Lavendelsäckchen und Flamenco-Kursen gründlich entdeutschen, sozusagen degermanisieren wollten.
Es klappt sowieso nicht, wir können es nicht, und wir müssen auch gar nicht vom Samba-Hüftschwung mal ganz abgesehen. Denn die Grundlage der von vielen derzeit so verwundert zur Kenntnis genommenen lockeren Stimmung im Lande ist, dass wir dabei alles in allem schön deutsch bleiben.
Selbst die schwarzrotgoldenen Fähnchen am Auto sind sauber und TÜV-sicher montiert.
Die Mülltonnen werden immer noch überwiegend pünktlich geleert (außer bei mir in der Krausnickstraße), und aufmerksame deutsche Ordner zwingen, wie vor dem Leipziger WM-Stadion geschehen, schon mal 1000 Holländer, ihre orangefarbenen Lederhosen auszuziehen, nur weil auf ihnen das Label eines Fifa-fremden Sponsors prangt.
Dem einen oder anderen mag es sogar ein bisschen Spaß gemacht haben, Herrn oder Frau Antje mal in der Unterhose zu sehen.
Aber bei solchen Dingen sind wir konsequent. Da kennen wir kein Pardon. Schließlich sind wir oft genug auch hart gegen uns selbst. Im Übrigen aber wird jetzt sichtbar: Wir können auch anders.
Einen "Anflug von rousseauistischer Liebe zum einfachen Volk" hat der Autor Gustav Seibt entdeckt, bei der nationale Symbole ernst und spielerisch zugleich eine gleichsam egalitäre und egalisierende Ausstrahlung haben.
Vielleicht ist es auch der Anflug eines neuen Selbstbewusstseins, das Selbstkritik so wenig ausschließt wie die Freude am Dasein im Sosein.
Oder so ähnlich.
Jedenfalls bleibt der Pegel beim hohen Wert von plus acht. Es soll ja noch Steigerungsmöglichkeiten geben.
Bis morgen und Glück auf, Deutschland!