Molière-Inszenierung: Fäkalspaß mit Klistier-Junkies - DER SPIEGEL
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Molière-Inszenierung Fäkalspaß mit Klistier-Junkies

Unverfrorene Späße, derbe Komik und kindliche Begeisterung für allerlei Fäkalien-Gags - auf die ihm eigene Art hat Leander Haußmann den komödiantischen Stoff von Molières "Der eingebildete Kranke" in die Gegenwart geholt.
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Hamburg - Bei der Hamburger Klamauk-Inszenierung buhlte der Regisseur um jeden Lacher. Nach knapp drei Stunden gab es am Dienstagabend im Hamburger Thalia Theater großen Beifall für das Ensemble, einige Bravos und viele Buhrufe für den Regisseur. Die Zunge konnte Haußmann den Premierengästen jedoch nicht wie jüngst in der Berliner Volksbühne herausstrecken, denn sein Vater hielt ihm beim Schlussapplaus vorsorglich die Hand vor den Mund. Ezard Haußmann hatte in der Molière-Bearbeitung seines Sohnes die Titelrolle gespielt.

Mit der Inszenierung hat sich Leander Haußmann für die kommenden Jahre vom Theater verabschiedet. Nach dem Erfolg seines Filmes "Sonnenallee" (1999) wolle er sich künftig dem Medium Film widmen, hatte der 41-Jährige vor der Premiere angekündigt.

"Viel Spaß!" war das Konzept Haußmanns, als der einstige "Junge Wilde" 1995 für fünf Jahre Intendant des Bochumer Schauspiels wurde. Ein Motto, das der in Ost-Berlin als Spross einer Theaterfamilie Geborene auch seiner Hamburger Inszenierung im Programmheft vorangestellt hat. So griff er denn auch tief in die Theaterkiste, ließ mit überbordendem Einfallsreichtum keinen Gag aus, den Molières (1622-1673) Komödie bietet und fügte noch etliche eigene hinzu. Ohne Molière zu verraten, der einst in der Rolle des Argan einen Schwächeanfall auf der Bühne erlitt und starb, hat Haußmann dabei seine eigene Fassung geschaffen und den Stoff in die Gegenwart geholt.

Folglich klingelt in Haußmanns Inszenierung das Telefon. Argans als Erbschleicherin enttarnte Gattin Beline nimmt das Taxi. Und die Pflegeversicherung des Hypochonders hat die Behinderten gerechte Einrichtung der Wohnung ermöglicht (Bühnenbild: Momme Röhrbein). Bis auf einige Szenen hat Haußmann den Text sprachlich aktualisiert, Neues eingefügt und Molièresche Randfiguren wie den Notar zu eigenen Charakteren ausgebaut.

In seiner teilweise umwerfend komischen Inszenierung buhlt der Regisseur allerdings um jeden Lacher und schreckt auch vor Klamauk nicht zurück: Natürlich steht die volle Urinflasche an der Bühnenrampe, natürlich wird sie als vermeintlicher Likör genüsslich geleert, natürlich schleppt sich Argan als ununterbrochen furzender Klistier-Junkie mit Windelhintern in Strumpfhosen über die Bühne. Einige Zuschauer geraten dabei vom Kichern ins kreischende Lachen, ein paar sind indigniert und ziehen es vor, zu gehen.

Ezard Haußmann beeindruckt als wehleidiger Argan, der mit seinen eingebildeten Krankheiten und seiner Todesangst die ganze Familie zur Verzweiflung bringt. Dabei setzt er Krankheit als Mittel zur Macht ein und als Methode, sich Liebe zu erzwingen. Krank sind in Haußmanns Version allerdings auch alle anderen: Tochter und Dienstmädchen greifen, gestresst von dem jammernden Alten, gerne zur Pille, Argans gesundheitsbewusster Bruder leidet wegen seiner Vorliebe für Obst unter entstellendem Ausschlag und die geldgeilen, inkompetenten Ärzte sind arrogante Sadisten mit Gesichtszuckungen.

Am Ende gibt es nach Doktorspielen zwischen Hypochonder Argan und Dienerin Toinette (Hildegard Schmahl) einen Totentanz mit Skelett. Dazu singt das Ensemble "We all live in a Yellow Submarine".

Von Brita Janssen, dpa