MTV Music Awards: Geigenpomp mit Popowackeln - DER SPIEGEL
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MTV Music Awards Geigenpomp mit Popowackeln

Die Foo Fighters coverten die Sex Pistols, Snoop Dogg erschien in bayerischer Tracht. Die MTV "Europe Music Awards" setzten auf verträgliche Provokation. Schön, dass wenigstens Amy Winehouse und Pete Doherty wankend die Regeln des kalkulierten Skandals unterwanderten.
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Der Anarchist ist müde geworden. Noch einmal bäumt er sich auf der Bühne auf, um dann am Tresen nostalgietrunken mit Kampfgefährten von ehedem über die guten alten Zeiten und die hübschen jungen Dinger von heute zu plaudern. Mit seiner Band Foo Fighters spielte Dave Grohl gleich zur Eröffnung eine schrecklich kraftmeierische Hardrockversion von "God Save The Queen", der anarchischen Punkhymne der Sex Pistols.



Später holte er sich dann als Quasi-Gastgeber der "MTV Music Awards" in München seine prominenten Kollegen in eine Ecke der Bühne, die nach Art eines bayerischen Biergartens hergerichtet war. Grohl, der als Drummer von Nirvana einst immerhin an der vielleicht letzten großen Rebellion in der Rockmusik beteiligt gewesen war, betatschte all seine "good ol' friends" in der Promi-Ecke, schwelgte mit ihnen in den Erinnerungen an gemeinsame Feiern, ließ sie die körperlichen Eigenschaften junger Kolleginnen taxieren und gröhlte, wann immer das Gespräch zu versiegen drohte, geistesabwesend ins Publikum.

Auf den Hund gekommen

Da brachte Snoop Dogg, der Conferencier der Preisgala, über dessen womöglich skandalöses Gebaren im Vorfeld viel spekuliert wurde, geradezu eine seriöse Note ins Spiel. Der Rap-Superstar, Ex-Kriminelle, Gelegenheitszuhälter und Pornofilmproduzent versuchte sich immerhin mit der deutschen Kultur, oder was er dafür hielt, zu arrangieren. So trat er mit Gamsbart und Lederhosen auf und ließ sich von einem Ensemble hübscher Streicherinnen in die Musik Beethovens einführen. Geigenpomp mit Popowackeln.

Doch verbal wollte keine Pointe von Snoop Dogg zünden; vielleicht auch deshalb, weil keiner so recht den für seine Wortschöpfungen bekannten US-Rapper verstand. Nach und nach jedenfalls verlor der Künstler, der sich gerne als Pimp feiern lässt, an Geschmeidigkeit. Insgesamt war seine Performance so lässig, wie man sich die Geschäftsführer der Bordell-Kette Pascha bei der Steuerprüfung vorstellt.

Aber immerhin: Snoop Doggs fast schon bürokratisch anmutender Sexismus ist immer noch eine kleine Freude gegen das heillos verkorkste Machotum, was hierzulande so Erfolge feiert. Unappetitlich war es zum Beispiel, mitansehen zu müssen, wie sich deutsche Prominenz um die notorisch leicht bekleidete Nicole Scherzinger, ehemals Tänzerin bei den Pussycat Dolls, balgte.

Die physisch großzügig ausgestattete, aber stimmlich ziemlich unterversorgte Sängerin lieferte mit ihrer leichten Bekleidung so was wie den roten Faden eines Abends, der immer wieder auseinander zu brechen drohte und gefühlte 50 Werbeblöcke beinhaltete. So unternahmen ausgerechnet der grobe Bushido und der zarte Tom von Tokio Hotel vor laufenden Kameras einen Wettstreit darum, wer denn nun Nicole Scherzinger "klarmachen" würde. Später wurde die Sängerin dann noch in der Altherrenrunde von Dave Grohl befingert.

Größen, wahnsinnig

Zwischendurch immer wieder Auftritte peinlicher Gigantomanie. Die schwule Tanzmaus Mika etwa arrangierte unzählige von Gauklern und Stelzenläufern um sich herum und präsentierte so eine Art Karneval der Kulturen auf LSD. My Chemical Romance indes gruppierten nach dem Vorbild von Nirvanas berühmtem "Smells Like Teen Spirit"-Video eine Hundertschaft ausflippender Halbwüchsiger auf der Bühne. Und Tokio Hotel ließen sich bei der Präsentation ihres Hits "Durch den Monsun" in englischer Sprache am Ende von einem gigantischen künstlichen Wolkenbruch voll pladdern. Das sah natürlich unfreiwillig komisch aus.

Superlative statt Subversion: So könnte das Motto der diesjährigen Preisverleihung lauten. Hatte sich MTV doch im Vorfeld darum bemüht, den einen oder anderen Skandal zu befeuern und mit Snoop Dogg den denkbar riskantesten Künstler als Gastgeber verpflichtet, so präsentierten sich Preisträger, Performer und Präsentatoren braver denn je.

Es ist eben alles nur eine Frage des Geschäfts in der Aufmerksamkeitsindustrie des Musikfernsehens. Während der Musiksender mit dem Engagement von Snoop Dogg öffentliche Wahrnehmung generiert, kann der mit seiner augenzwinkernden Aufführung des Gangsta-Rappers im Tausch neue gesellschaftliche Bereiche erschließen. Wobei Snoop Dogg an der Rolle des Geläuterten noch arbeiten muss: Wie er gestern einen 15-Jährigen, der mit einem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde, mit dem Verweis auf die eigene gewalttätige Vergangenheit abfertigte, dass wirkte schon sehr aufgesetzt. An den pädagogischen Aspekten ihrer Arbeit müssen wir noch arbeiten, Herr Dogg.

Die Berauschten blieben nüchtern

Wirklich erfrischend in diesem abgezirkelten Gemenge aus Verkaufsinteressen und Imagekorrekturarbeiten wirkten da eigentlich nur zwei Personen: Amy Winehouse und Pete Doherty, die liebsten Sorgenkinder der internationalen Klatschpresse.

Nachdem der großen weißen Soulsängerin der "Artist's Choice Award" zugesprochen wurde, mit dem Künstler ihren Lieblingskonkurrenten auszeichnen, hauchte sie nur ein kurzes erratisches "Thanks", wankte von dannen - und lieferte auf diese Weise ein durchaus angenehmes Gegengewicht zu all den vermeintlich lustigen oder übertriebenen tränenseligen Dankesreden der anderen Gewinner. Später schnurrte Winehouse sich noch mit ziemlicher Schlagseite durch einen ihrer Hits. Pete Doherty hingegen, der ansonsten fast jeden Gig fröhlich vergeigt, legte mit seinen Babyshambles einen komplett schnickschnackfreien Auftritt samt hübsch fiepender Verstärker hin. Auf diese Weise stellte er einen tollen Kontrast zum kalkulierten Glamour der Konkurrenz dar.

Bezeichnenderweise fehlten ausgerechnet Winehouse und Doherty, Großbritanniens größte bekennende Schnapsnasen, dann später an Dave Grohls VIP-Bar. Gerne frönt man der lustvollen Selbstzerstörung - mit der schwitzigen Betriebsfeierseligkeit der Konkurrenz will man aber lieber nichts zu tun haben. So was wurde früher Punk genannt.