Münchner Kammerspiele: Das listige ABC der Feldherren
Münchner Kammerspiele Das listige ABC der Feldherren
Nackt liegt sie da und faselt noch beseelt von Ruhm und Ehre, von riesigen Schlachtfeldern und himmlischen Freudenchören. Iphigenie stirbt nicht etwa einfach so, nein, sie gibt ihr Leben für ihren Vater und für ihr Griechenland. Ein ehrenvoller Soldatinnentod. Agamemnon, der Herrscher über die griechische Armee, hat sie geopfert, damit er seinen Ruf als Führer festigt. Nur wenn er sein Allerliebstes gibt, sind seine Krieger bereit, im kurz bevorstehenden Kampf um Troja für eine noch viel größere Sache zu sterben: für Demokratie, für Kultur. Und infiltriert von dieser kruden Kriegslogik blutet Iphigenie beglückt aus.
"Eine pervertierte Form von Turniersport" nennt Matthias Günther, 48, Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, das, was sich in dieser Bühnenszene in dem Stück "Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas" offenbart. Für den Erfolg des Teams gibt Iphigenie (Katja Bürkle) alles. Sie opfert sich, "als wär sie bloß ein junges Kalb", wie ihre vergeblich protestierende Mutter Klytämnestra (Wiebke Puls) bemerkt. Der Wettkampf funktioniert nach einfachen Regeln: Die freien, griechischen Demokraten müssen die trojanischen Bürger von ihrer unterdrückend-barbarischen Führung befreien, koste es, was es wolle. Einzelschicksale zählen in diesem Krieg gegen das Böse nicht. "Hier geht es nicht um mich, es geht um uns - uns alle, die Zukunft der Kultur, der Welt, wie wir sie kennen!", sagt Agamemnon.
Ein brillanter kriegsrhetorischer Brei
Wie lässt sich ein Krieg begründen? Und: Kann es überhaupt einen gerechten Krieg geben? Das sind die schwerwiegenden Fragen, um die dieses wortgewaltige Theaterstück von Tom Lanoye kreist, das am 17. Dezember erstmals an den Münchner Kammerspielen aufgeführt wird. Fragen, die sich in der Antike stellen ließen und die sich auch heute stellen lassen. Um die Länder von ihren Terror-Regimes zu befreien, marschierten westliche Streitkräfte in Afghanistan oder im Irak ein. Krieg gegen die Achse des Bösen. Genau wie einst Agamemnon in Troja. Man wolle Demokratie und Kultur verbreiten, heißt es noch heute. Und statt Krieg spricht man daher auch lieber von einer "humanitären Intervention".
Wie wenig sich die Kriegsrhetorik seit dem antiken Zeitalter verändert hat, verdeutlicht ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des Theaterstücks von Tom Lanoye. Der 1958 in Belgien geborene Gegenwartsautor hat in seinem Bühnenwerk Fragmente aus den klassischen griechischen Dramen "Iphigenie bei den Taurern" von Euripides und "Orestie" von Aischylos mit Auszügen aus Reden von George W. Bush und Donald Rumsfeld vermengt. Die Zitate, die aus der Zeit um die Einmärsche in Afghanistan und Irak stammen, hat Lanoye geschickt in die altertümliche, bisweilen monotone Sprachmelodie von Euripides eingepasst. Herausgekommen ist ein erschreckend brillanter kriegsrhetorischer Brei. Wenn man Agamemnon (Steven Scharf) fabulieren hört, benutzt er passagenweise die Worte des ehemaligen Präsidenten oder des einstigen Verteidigungsministers der USA.
Lanoye schaffe es, zwischen einer archaischen, antiken Sprache und Aussagen aus jüngerer Zeit hin und her zu zoomen, "ohne dass das Stück dabei in Unerheblichkeit abgleiten könnte", sagt Regisseur Stephan Kimmig, 52. Durch diese Vermischung werde der Zuschauer in die Denkprozesse der historischen Helden eingebunden: "Oft wundert er sich, was er gerade mitgedacht hat." Kimmig, der an den Münchner Kammerspielen auch schon das Tom-Lanoye-Stück "Mamma Medea" auf die Bühne gebracht hat, vertraut daher in seiner Inszenierung voll und ganz auf die Vitalität des Textes. Reduziertes Bühnenbild, wenig Requisiten. "Es geht mir nicht darum, ein Überwältigungstheater zu inszenieren", sagt Kimmig.
Ein bisschen Kunstblut fließt dann doch, aber nur da, wo es dramaturgisch unabdingbar erscheint. Und damit, das macht Lanoye überdeutlich, ist dieses Stück der Realität weit, weit voraus.
Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas. Premiere in den Münchner Kammerspielen am 17. Dezember. Weitere Aufführungen am 18., 23., 27., 30.12 und 6., 14., 25. 1. Kartentelefon: 089/233 966 00.