Münchner Kammerspiele Doppelschlag der toten Dichter
Das Leben ist eine Baustelle. Schon seit Monaten gilt das für die Münchner Kammerspiele, die für fast 150 Millionen Mark generalsaniert werden. Ende des vergangenen Jahres musste der Spielbetrieb eingestellt werden, obwohl das neue Probengebäude, das für die nächsten zweieinhalb Jahre als Interims-Spielort dienen soll, noch gar nicht bezugsfertig war. Richtig chaotisch wurde es dann, als auch die beiden für Mai vorgesehenen Premieren nicht zu Stande kamen, weil der TÜV kurzfristig diverse Sicherheitsmängel in dem Probengebäude festgestellt hatte. Woraufhin die Direktion gezwungen war, ein Ausweichquartier für das Ausweichquartier zu finden. Jetzt spielt man vorübergehend in der Zenith-Halle am Rande der Stadt. Am Mittwoch und Donnerstag gingen nun endlich beide Uraufführungen über die Bühne.
Werner Schwabs "Übergewicht, unwichtig: Unform" ist ein Stück zwischen Bier- und Blutrausch: Sechs Spießbürger reden sich in einer Vorstadtkneipe ihren Schmutz von der Seele. Dabei kommt der ganze Bodensatz einer österreichischen Dorfgemeinschaft zu Tage: ihr Sozialneid, ihre Fremdenfeindlichkeit, ihr Trachten nach Gewalttätigkeit, ihre verklemmte Sexualität. All das eskaliert in einem Massaker und einer kruden Erlösungsphantasie: Wie die Tiere fallen sie über ein glückliches Liebespaar her, das nichts zu suchen hat in ihrem Mikrokosmos aus Hass und Demütigung. Weshalb das Pärchen zuerst vergewaltigt, dann ermordet und schließlich verspeist wird. Zum Kannibalismus-Gemetzel heißt es am Ende poetisch: "Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen".
Peter Wittenberg inszeniert diese Schweinereien als kunstvoll überhöhtes Sprachkunstwerk: Auf einer Pappteller-Bühne mit Schauspielern wie Monika Baumgartner und Jennifer Minetti, die mutig hinabsteigen in sämtliche Abgründe dieses "Fäkaliendramas" und das Böse zum Funkeln bringen. Dazu erklingt eine volksmusikalische Klangcollage des "Bairisch Diatonischen Jodel-Wahnsinns", die das Grobe dieser Kneipenmonster fein machen soll.
Einen Tag später noch mehr Weltekel made in Österreich: Thomas Bernhards "Der Weltverbesserer" ist ein Despot, der alles verachtet - die Schweiz mit ihren Bergen, das weichgekochte Frühstücksei, die akademischen Kollegen, die ihm in ihrer Borniertheit einen Ehrendoktor für ein Traktat verleihen wollen, in dem er die Vernichtung der Menschheit fordert.
Unter der Regie von Antoine Uitdehaag spielt Rudolf Wessely diesen Titelhelden weniger als Tyrann denn als Zyniker, der, umrahmt von lauter Selbstporträts, gebrechlich auf einem roten Pascha-Sessel thront. Der philosophiert und lamentiert und seine Frau (Heide von Strombeck) herumkommandiert wie einen abgerichteten Hund. Am Ende seines zweieinhalbstündigen Monologs bettelt er dann aber doch wieder kleinlaut nach Nudeln.
So also bewältigen die Kammerspiele ihr Baustellen-Dasein: Mit zwei toten
österreichischen Autoren, die ihre Heimat als Hort des Stumpfsinns und der
Schikane beschimpfen und ein latent-faschistoides Herr-Knecht-Ritual
beschwören.
Das plättet.