Münchner Kammerspiele Leben in Anführungszeichen
Paula und Bruno leben in einer Puppenstube. Sie sitzen auf winzigen Stühlchen, trinken aus winzigen Tässchen und aus dem Kassettenrekorder kräht der Pumuckl. Ein Leben wie aus einem Kindertraum, wäre da nicht die harte Realität, die unversehens in diesen infantilen Schutzraum einbricht: Paula und Bruno verlieren ihren achtjährigen Sohn Zippo. Er wird von Melanie überfahren, die abgelenkt ist, weil sie ihre Freundin Coco verlassen will und deshalb im Auto einen Abschiedsbrief in ein Diktiergerät spricht.
Jetzt ist nichts mehr so, wie es vorher war und trotzdem bleibt alles gleich. Unfähig, Schmerz zu empfinden, spielen Caroline Ebner als Paula und Paul Herwig als Bruno den Tod ihres Kindes als furios-makabere Comic-Improvisation nach. In Babysprache und im Fast-Forward-Modus vergegenwärtigen sie sich immer wieder den Ablauf des Unfalls: quietschende Bremsen, Aufprall des kleinen Körpers am Kotflügel, Sirenen eines Krankenwagens, Wiederbelebungsversuche, Tod.
Weil sie sich nicht ertragen in ihrer emotionalen Erstarrung, trennen sich die beiden. Der Seifenoper-Autor Bruno stürzt sich in eine Affäre mit seiner Assistentin Sybille und beschließt gleichzeitig, ein ernsthaftes Drehbuch über seinen Sohn zu schreiben. Paula dagegen fährt an die Ostsee, um sich in einem Ferienhaus, das ihr Melanie zur Verfügung gestellt hat, zu erholen. Dort beginnt sie eine Affäre mit Coco, die inzwischen durch künstliche Befruchtung schwanger ist, während Melanie nach Vietnam geflohen ist, um einen Dokumentarfilm zu drehen und mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden.
So weit, so verschachtelt. Obwohl in diesen Konstellationen Momente von großer Tragik enthalten sind, achtet Anja Hilling, die vergangenes Jahr von "Theater Heute" zur "Nachwuchsautorin der Saison" gekürt wurde, in ihrem Stück "Monsun" sorgfältig darauf, größtmögliche Distanz zu ihren Figuren zu halten. Um ja kein Mitleid aufkommen zu lassen, konstruiert sie menschliche Versuchsanordnungen und wartet dann auf eine emotionale Reaktion, die sie jedoch jedes Mal mit der verbalen Lochzange ausstanzt. Das hat dank gelungener poetischer Passagen seinen Reiz, erschöpft sich aber schnell in der Fülle der Themen, die Hilling anklingen lässt, ohne sie jedoch wirklich zu behandeln: Trauer um ein Kind, homosexuelle Beziehungen, künstliche Befruchtung, das Leben als Soap.
Der 28-jährige Roger Vontobel, in dieser Saison Hausregisseur am Schauspielhaus Hamburg, holt aus der drehbuchähnlichen Stückvorlage zwar einiges raus, indem er verblüffende Bilder und komische Slapstickeinlagen schafft, doch kann er der Konstruiertheit des Dramas letzten Endes nichts Substantielles entgegensetzen.
Da bleiben einige Fragen offen: Geht es nun um existentielle Probleme oder geht es eigentlich um nichts? So richtig anzupacken traut sich der Regisseur die Themenkolosse jedenfalls nicht. Und was hat die Inszenierung mit dem Monsun, jenem alles überflutenden tropischen Dauerregen zu tun? Zu spüren ist allenfalls ein leises Nieseln, etwa wenn sich Anna Böger als Sybille lasziv hinter Bruno schlängelt, um den kleinen Wicht so schnell wie möglich für sich zu gewinnen. Oder wenn Tanja Schleiff als Coco am Ostseestrand ankommt und mit frecher Ost-Schnauze die einsame Paula verführt.
Auf der sandkastenartigen Bühne von Petra Winterer lässt Roger Vontobel seine Schauspieler Leben spielen. Das gelingt stellenweise auf hohem ästhetischen Niveau. Kunstvoll greifen die Szenen dann ineinander, wenn abwesende Figuren durch Projektionen ersetzt werden. Besonders eindrücklich ist der Moment, in dem das Abbild von Paula direkt auf Brunos Körper projiziert wird. Vergeblich versucht der Mann, sich von seiner Frau zu befreien, bis er erkennen muss, ganz von ihr durchdrungen zu sein.
Doch insgesamt zeigt "Monsun" leider nur ein Leben in Anführungszeichen, gemäß der mittlerweile arg strapazierten Weisheit, dass echte Gefühle oder gar zwischenmenschliche Kommunikation in der postmodernen Welt nicht mehr möglich sind. Dieser Befund mag zwar richtig sein, doch lässt er einen hier seltsam unbefriedigt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass dieses Stück nur eine Variation zum Thema ist, das man in den vergangenen Jahren auf deutschen Bühnen schon zu oft gesehen hat.
Monsun von Anja Hilling. Regie: Roger Vontobel. Darsteller: Tanja Schleiff, Caroline Ebner, Paul Herwig, Anna Böger. Bühne und Kostüme: Petra Winterer. Termine: 16./17. Januar; 24./25. Januar 2006 an den Münchner Kammerspielen