Münchner Kammerspiele Tränen in der Diskothek
Patsy stinkt nach Fisch. Im Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele kann man das nicht riechen, aber Hans Kremer als Patsy gelingt es, so auszusehen. Patsy stinkt, weil er vom Fisch lebt, er zieht mit weißen Styroporboxen voll Tiefkühl-Seafood durchs Dorf und liefert aus. Was seltsam ist, denn der kleine Ort lebt vom Fischfang und von einer Konservenfabrik, warum also Tiefkühlfisch einkaufen? Gegessen wird der Fisch ohnehin nicht, er landet in einer in den Boden eingelassenen Kühltruhe. Ada, Clara und Breda essen nur Kekse aus dem Kühlschrank, nicht einmal der selbstgebackene Kuchen wird angerührt - man kasteit sich.
Für die drei Schwestern ist Patsy die einzige Verbindung nach draußen. Claudia Rohners Bühne ist ein feuchter Keller, die Eingangstür ist kurz unterhalb der Decke. Einer Treppe, die an der Wand entlang dort hinauf führt, fehlen mehrere Stufen: Die Frauen sind gefangen. Ein trübes Aquarium samt lebendigem Fisch neben der Tür erweckt den Eindruck, der Keller läge unter dem Hafenbecken. Ada, die jüngste, ist noch agil genug, um nach oben zu klettern und zur Arbeit in die Fabrik zu gehen, Breda und Clara sind dazu verdammt, in ihrem Loch zu sitzen und einander immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen: ihre eigene.
Der irische Dramatiker Enda Walsh ("Disco Pigs") hat "The New Electric Ballroom" als Auftragsarbeit für die Kammerspiele geschrieben. Regisseur Stephan Kimmig, bekannt für seine Inszenierungen am Hamburger Thalia Theater (u.a. "Das Fest"), hat das Stück als eine Art perverses Hohelied auf Einsamkeit und selbst gewählte Isolation in einer gnadenlosen Welt inszeniert.
"Drinnen, drinnen, drinnen"
Der "New Electric Ballroom", eine prototypische Diskothek in zehn Meilen Entfernung, ist in den Jugenderinnerungen Claras und Bredas zugleich Verheißung und Ort ihrer tiefsten Demütigung. Dort gab es nicht nur Fischer mit großen, grabschenden Händen, sondern das wahre Leben, Männer aus der richtigen Welt, Männer wie den pomadisierten Sänger Roller Royle. Der hat beiden Hoffnungen gemacht, zumindest in ihrer eigenen Version der Geschichte, und Breda hat er auch geküsst und angefasst. Aber dann kam eine vorbei, die aussah wie Doris Day, und Breda war abgemeldet, und beide Schwestern verkrochen sich "drinnen, drinnen, drinnen", versteckten sich vor der Schmach und vor dem Gerede der Frauen aus der Konservenfabrik. Vierzig Jahre lang.
Ums Gerede, ums Reden geht es Walsh, seine Figuren quasseln ununterbrochen, vergewissern sich durch den Klang ihrer Stimmen, dass sie noch da sind. "Die Menschen reden und reden von Natur aus. Das kann man nicht bestreiten. Du könntest schon, aber dann würdest du das bestätigen, was du zu bestreiten versuchst, und was hätte das für einen Sinn? Keinen." Patsy spricht ungefragt wie ein Wasserfall über die Trivialitäten des Dorflebens, die Schwestern erzählen einander die Geschichte vom "New Electric", angeleitet und dirigiert von Ada, der Jüngsten, gespielt von Annette Paulmann.
Ein Mann muss her
Die gleichen Sätze kehren wieder und wieder zurück, mal spricht sie die eine, mal die andere. Während eine erzählt, wird sie von der anderen ausgezogen und dann ausstaffiert, mit Faltenrock, Bluse und Schminke. Barbara Nüsse als Clara und Hildegard Schmahl als Breda verwandeln sich in Karikaturen ihrer Jugendlichkeit. Sie werden zu grotesk verkleideten alten Frauen, die ihre Schmach immer wieder aufs Neue durchleben, sich selbst und einander quälen mit der Erinnerung an ihren einzigen Fluchtversuch, untermalt vom leisen Quaken eines Kofferradios. Indem sie ihre Geschichte und ihre Gedanken wortgleich wiederholen, machen die Schwestern Prosa aus ihrem Leid und erlangen eine simulierte, literarische Herrschaft über die Vergangenheit.
Ada hat die Demütigung nie selbst erlebt, sie ist nur durch die Älteren auf das Leben drinnen festgelegt. Und damit zunehmend unzufrieden. Ihre Sehnsucht nach Liebe, nach der Welt draußen, ist das einzige, was im feuchten Keller noch eine Veränderung erlauben könnte. Schließlich haben die älteren Schwestern ein Einsehen: Ein Mann muss her. Sie greifen sich den bislang verachteten und verschmähten Patsy, ziehen ihn aus, schrubben mit Schwamm und Gartenschlauch den Fischgeruch von ihm herunter und staffieren auch ihn aus: Als Roller Royle, im blauen Glitzeranzug, mit Tolle und dem Gartenschlauch als Mikrofon.
Ein Lied unterbricht die Wortkaskaden
Weil er es aber mit Reden nicht schafft, Adas Herz zu erweichen, darf Patsy es mit Singen probieren. Die Transformation, die Hans Kremer in dieser Szene durchmacht, ist der magische Moment dieses Theaterabends: Von Nüsse und Schmahl wird er mit Schwällen von Wasser und Worten gereinigt. Krumm und zitternd steigt er dann in den blauen Anzug, steht wie ein gebrochener Vorstadtelvis barfuß im Spotlight und singt mit unsicherer Stimme von dem "Wondrous Place", an den ihn die Liebe einst entführt hat.
Das Lied unterbricht die Wortkaskaden, schafft einen Augenblick wohltuender Beruhigung im Sturm von Sprache und Schmerz. Und obwohl auch diese Showeinlage eine Karikatur ist, treffen Kremers Präsenz und die schräge, entrückte Melancholie der Melodie ins Herz.
Auch Ada lässt sich davon erweichen - und dann wird wieder geredet. Die beiden erzählen einander atemlos von ihrer kurzen Liebe, die aber dann doch nicht stark genug ist, das vernarbte Herz des einsamen Fischhändlers aufzuweichen.
Jetzt hat auch die Jüngste ihr Leid und ihre Demütigung, ist endlich auf einer Stufe mit den älteren Schwestern angelangt. Während sie noch schluchzt, wird auch sie mit Faltenrock und Bluse verkleidet.
Wieder rattert die Sprache von der Bühne. Und die Figuren und ihre Gefühle drohen, trotz eines großartigen Ensembles, zu verschwinden in diesen unablässig mahlenden Wortmühlen.
The New Electric Ballroom
Inszenierung für die Münchner Kammerspiele. Regie: Stephan Kimmig, Buch: Enda Walsh. Bühne: Claudia Rohner. Kostüme: Anja Rabes. Dramaturgie: Marion Tiedtke. Musik: Michael Verhovec. Darsteller: Hans Kremer, Barbara Nüsse, Annette Paulmann, Hildegard Schmahl. Nächste Aufführungen: 2.10., 8.10., 16.10. 2004