Münchner Mini-Theater Mosis bühnenreife Lust
München - Die Hintergründe der blutigen Ermordung Rudolph Moshammers sind drei Monate nach der Tat noch immer nicht aufgeklärt. Zwar war der Täter schnell ermittelt, doch das Mordmotiv des 25-jährigen Irakers, mit dem der Münchner Schickeria-Star seine letzte Nacht verbrachte, ist weiterhin ein Rätsel. Man weiß noch nicht einmal, ob der mutmaßliche Mörder überhaupt zur Stricherszene gehörte, wie Medien im Januar vielleicht vorschnell kolportierten. So bietet das Ableben des skurrilen "Mosi" genügend Anlass für wilde Spekulationen und Verschwörungstheorien.
Das kleine Galli-Theater beispielsweise hat eine sehr eigenwillige Perspektive auf den Fall Moshammer entwickelt und stellt die verhängnisvolle Liebesnacht nun auf der Bühne nach. "Moshammers Tod" heißt die Inszenierung, die am kommenden Mittwoch ihre Uraufführung erleben soll.
Das Lust-Prinzip
Das Mini-Theater gehört zu einer bundesweiten Kette von Spielstätten, die unter der Ägide des ehemaligen Clowns und Philosophen Johannes Galli stehen, der vor allem in den achtziger Jahren als "Clown Galli" bekannt war. Der Ex-Komiker höchstpersönlich ist federführend bei der Inszenierung von "Moshammers Tod". Galli habe die Idee für das Stück im Gespräch mit einem Freund entwickelt, sagte Moshammer-Darsteller Michael Wenk SPIEGEL ONLINE. Die beiden hätten sich über den Mordfall unterhalten und sich den Kopf darüber zerbrochen, warum der steinreiche Modezar in jener Nacht den Strichjungen nicht bezahlen wollte, obwohl er es sich doch eigentlich hätte leisten können.
"Nach längerem Grübeln kamen sie auf die Lösung", erzählt Wenk. "Moshammer fand, der Junge hatte seinen Lohn schon bekommen - indem er Lust empfunden hat." Diese Spekulation, die man am Galli-Theater offenbar für ebenso simpel wie genial hält, ist die Grundthese, auf der das Theaterstück basiert.
In seiner Rolle trägt Michael Wenk eine schwarze Mosi-Perücke und den charakteristischen Bart. In der ersten Szene des Stückes isst der exzentrische Modemacher in einem Restaurant zu Abend, in der zweiten Szene steigt er in seine Limousine und gabelt den Prostituierten auf. Die dritte Szene zeigt Mosi und seinen Gespielen in seiner Villa in Grünwald.
Stöhnen beim Akt
Ein Tor, wer glaube, hier ginge es um bloße Sensationsgier und Effekthascherei: "Der Liebesakt wird in Andeutungen inszeniert", erzählt Wenk. Die Schauspieler seien nicht etwa nackt, das Galli-Theater sei nicht auf Schockwirkungen aus: "Beim Geschlechtsakt kniet Mosi, der Stricher steht hinter ihm. In dieser Szene trägt Mosi über seinem eleganten Anzug einen Leopardennachtmantel." Übrigens in jeder Szene dabei: Moshammers Hündchen Daisy, "gespielt" von einem weißen Stoffkläffer.
Während des Aktes stöhnt der Stricher, woraus Moshammer messerscharf schließt, dass der junge Mann Lust empfindet. Daraufhin weigert sich der Modemacher, seinen Bettgenossen zu bezahlen. Michael Wenk behauptet ganz ohne Ironie, dass das Publikum durch solche Szenen dazu angeregt werden soll, sich die existenzielle Frage zu stellen: Wie gehen wir mit unserer Lust um?
Eine Sprecherin von Moshammers ehemaligem Chauffeur zeigte sich bereits im Vorwege beunruhigt über die Pläne des Theaters. Gabi Hildebrandt sagte der Münchner "Abendzeitung", vieles deute darauf hin, dass jemand mit Moshammers Namen ein Geschäft machen wolle.
Doch Wenk winkt ab: "In unserem Haus gibt es 75 Sitzplätze. Selbst, wenn wir jeden Abend ausverkauft wären, kann man damit keinen großen Reibach machen." Das Geld, sagt Wenk, verdienten die Mitarbeiter des Theaters mit Körpersprache- und Kommunikationstrainings für Unternehmen. Von diesen Einnahmen wird der Theaterbetrieb aufrechterhalten.
Den Fall Moshammer weniger als drei Monate nach dessen Tod auf diese Art und Weise auf die Bühne zu bringen, findet der Schauspieler überhaupt nicht geschmacklos. "Ich kann nachvollziehen, dass der eine oder andere Anstoß daran nimmt. Man macht sich natürlich angreifbar, wenn man einen Sympathieträger anfasst."
Moshammer sei in dem Stück eine eindeutig positive Figur. "Ich versuche, ihn würdevoll zu spielen." Persönlich gekannt habe Wenk den Münchener Modezar nicht. "Aber ich empfinde ihn jetzt als Menschen, der um Wahrheit gerungen hat, auch in seiner Todesnacht."
Ob die Inszenierung ein juristisches Nachspiel haben könne, habe man bisher nicht prüfen lassen, sagt Wenk. "Wir erheben ja keinen Anspruch, die wahre Geschichte zu erzählen."