Mutterbild in der Kunst: Heldentum zum Mitnehmen bitte - DER SPIEGEL
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Mutterbild in der Kunst Heldentum zum Mitnehmen bitte

Das Leben der modernen Mutter spielt sich ab zwischen Wickelkommode und Schreibtisch, zwischen Kinderarzt und Konferenz. Oder nicht? In der Berliner Ausstellung "Mothering" beschäftigen sich 19 Künstlerinnen mit dem Mutterbild.
Von Laura Hamdorf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rabenmütter oder Übermütter - Müttern kann man immer etwas vorwerfen: entweder, dass sie ihre Kinder wegen ihrer Karriere vernachlässigen, oder aber, dass sie sich viel zu viel um ihre Kinder kümmern, was auch schlecht ist. Man könnte Mütter aber auch einfach als Heldinnen betrachten, wie die polnische Künstlerin Elzbieta Jablonska. Die 41-Jährige hat Mütter im Heldenkostüm fotografiert. Das rote "S" auf der Brust und mit zerzausten blonden Haaren sitzt eine Frau breitbeinig in ihrem Wohnzimmer. Zärtlich küsst sie ihren kleinen Sohn, der auf ihren starken Schenkeln sitzt und sich in den blau-roten Jersey-Stoff kuschelt.

Jablonskas Fotos sind bis zum 25. April in der Ausstellung "Mothering" im Berliner Kunstraum Kreuzberg zu sehen. Die Schau zeigt Arbeiten von 19 Künstlerinnen aus 10 Ländern, die sich mit dem modernen Mutterbild beschäftigen - in Form von zeitgenössischer Malerei, Zeichnungen und Fotografie.

Bestürzende Bilder in Großformat

Es sind Fragen des Alltags, die von den Künstlerinnen beantwortet werden. Welche Grenzen setzt ein Beruf der mütterlichen Fürsorge, und wann wird ein Mindestmaß an Liebe unterschritten? Die Berlinerin Malerin Heike Ruschmeyer beschäftigt sich mit den Rabenmüttern, mit dem Scheitern. Ihre Arbeiten zeigen tote Säuglinge und Kinder, deren blasse Pausbäckchen durch den Bildausschnitt drängen. Ausgesprochen bestürzend sind diese ausdruckslosen Gesichter in Großformat. In Ruschmeyers Bildern wird die paradigmatische, zeittypische Figur der versagenden Mutter thematisiert. Die 55-jährige Künstlerin manifestiert die Angst als Gegenmotiv zur Superheldin. Kindestötung stellt sie als letzte, furchtbare Konsequenz dar.

Der Kuratorin Felicita Reuschling ging es bei der Auswahl der Arbeiten nicht um die Einzigartigkeit der künstlerischen Positionen. Wichtiger war Reuschling ein Sammelsurium unterschiedlicher Perspektiven auf die Mutterschaft und die Definition von Fürsorglichkeit. Aus dem Kreis der in der Kunstszene verblassten Künstlerinnen sticht Tracey Moffatt deutlich heraus. Bis heute gilt sie als eine der talentiertesten zeitgenössischen Fotografinnen. Ihr Beitrag zu "Mothering" sind Bilder, die zeigen, wie es nicht laufen sollte. "Suicide Threat" von 1982 zeigt eine ältere schwangere Frau mit zerzaustem Haar. Genervt kratzt sie sich mit der schmuckbehängten Hand im Nacken, die andere hält lässig eine brennende Zigarette. "If I wasn't Catholic I'd commit suicide" lautet der Titel. Mutterschaft als verhasstes Detail, das der egoistischen Lebensplanung im Wege steht. Moffatt begegnet dieser Art der Mutterschaft auf brutal authentische Weise.

Eine Frage der Balance

Zweifellos wird deutlich, dass Felicita Reuschling keinesfalls die Absicht hat, das Mutterdasein als essentielle Lebensgestaltung zu deklarieren. "Es geht vielmehr um das Idealbild der Mutter in der neoliberalen Gesellschaft", erklärt sie. Die berufstätige Mutter werde zunehmend zum Vorbild, das übergreifende Ziel sei eine gut funktionierende Work-Live-Balance.

"Beyond Re/Production: Mothering" ist eine facettenreiche Ausstellung zwischen Selbstbeobachtung, Kunst und politischem Statement. Sie leistet einen aufschlussreichen Beitrag zu den intensiven Debatten um die Frauenquote: Einerseits machen die Arbeiten Mut macht zur Stärke, andererseits weisen sie überdeutlich auf die Missstände eines Systems hin, das Väter von familiärer Fürsorge befreit und Müttern bleischwere Bürden auferlegt.


"Beyond Re/Production". Kunstraum Kreuzberg. Mariannenplatz 2, 10997 Berlin. Bis 26 April.