MyVideo-Show auf Sat1: 15 Megabyte Ruhm - DER SPIEGEL
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MyVideo-Show auf Sat1 15 Megabyte Ruhm

Patrick stopft sich ein Bierglas in den Mund. Drei Männer verhöhnen Popstar-Grazien. Und Macho Mike sucht eine Frau, die macht, "was ich will": In der Sat1-Show "MyVideo" trifft Internet-Trash auf Fernsehen. Vom Charme der Netzfilmchen bleibt dabei nicht viel übrig.
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Hamburg - Ein Junge springt von einem Trampolin zum Basketballkorb, bleibt dabei mit dem Fuß am Korbrand hängen und fällt zu Boden. "Das ist aber schon sehr viel Pech", sagt Moderatorin Annika Kipp. Ein Walross macht Bewegungen, die wie Sit-ups aussehen. "Unglaublich, dass Tiere das machen." Einem Fußballfan flattert auf der Autobahn die kostbare WM-Karte aus der Hand. "So schnell kann's gehen."

Seit Internetportale wie YouTube oder MyVideo dem Fernsehen werberelevante Zuschauergruppen abluchsen, suchen TV-Macher nach Konzepten, um das junge Publikum zurückzuerobern. So ist die "MyVideo-Show" ein durchaus logischer Schritt von Sat 1, um ein erfolgreiches Konzept aus dem Web 2.0 auch als Fernsehformat zu etablieren.

MyVideo-Show-Moderatorin Kipp (r.), Band "Monrose": "Ach du Schande"

MyVideo-Show-Moderatorin Kipp (r.), Band "Monrose": "Ach du Schande"

Foto: Sat.1

Jeden Freitag um 23.15 Uhr soll die Sendung die besten Videoclips von MyVideo vorstellen. Der Fernsehsender, der mit 30 Prozent an dem Internetportal beteiligt ist, muss dafür nicht allzu tief in die Tasche greifen: Inhalte werden von Internet-Usern erstellt, die Stargäste kommen aus den eigenen Reihen, und ein Werbepartner spendiert digitale Videokameras als Belohnung für die Studiogäste.

Bierglasakrobat trifft Pop-Sternchen

Für einen Hauch von Glamour sorgt in der Premierensendung das "Popstars"-Trio Monrose, derzeit auf Platz eins der deutschen Charts. Die präsentieren zunächst ihr persönliches Lieblingsvideo aus dem Netz – ihr eigenes. Mitten im Song wechselt das Bild zu drei schlecht gekleideten Herren, die alberne Tanzbewegungen vollführen. "It's such a shame", lautet der Refrain des Songs. "Ach du Schande", sagt Moderatorin Kipp.

Im Interview erfahren die Fernsehzuschauer, dass Senna nicht schwanger ist und noch nicht heiraten will. Und dass Mandy früher Angst vor dem Film-Außerirdischen "E.T." hatte. Das beste Zitat des Abends jedoch kommt nicht von den Popsternchen, sondern von Studiogast Patrick. Patrick hat einen schwarz-weißen Streifenpulli an und erklärt mit fränkischem Akzent, wie sein Video bei einer Wette mit Saufkumpanen entstand: "Wir ham alle versucht, des Bierglas in den Mund zu nehmen, und ich hab halt gewonnen."

Vor dem Saalpublikum gibt Patrick dann eine Kostprobe seiner besonderen Fähigkeit. Die besteht darin, den kompletten Rand eines Halbliter-Bierglases hinter den Lippen zu verstauen. Der Anblick weckt Assoziationen zu den riesigen Plastikklammern, die Kieferorthopäden beim Ankleben fester Zahnspangen verwenden, damit der Mund offen bleibt. "Da muss doch irgendein Trick dabei sein", sagt Annika Kipp, die sonst das Frühstücksfernsehen moderiert. Dann bittet sie die Zuschauer, selbst Videos hochzuladen, für die nächste Sendung. "Ich freue mich sehr auf Ihr Talent!"

Ausreichendes Talent hatte zum Beispiel der stark tätowierte "Single der Woche" Mike, der im Video tönt, es sei "auf jeden Fall ganz wichtig, dass du machst, was ich will", und dessen Traumfrau vor allem kochen und waschen soll. Als die "Monrose"-Grazien Senna und Mandy sagen, sie fänden ihn "witzig", sitzt der Online-Macho mit übereinander geschlagenen Beinen im Saalpublikum und lächelt schüchtern.

Im Scheinwerferlicht verblasst der Charme aus dem Internet

Auch die als "heimliche Stars aus MyVideo.de" angekündigten Teenager-Geschwister Denice und Tobias, die sich in ihren Tanzvideos so schön zoffen, wirken heute ein wenig verklemmt. Nach einer kurzen Tanzvorführung in Nikolausmützen zupfen beide verlegen ihre Pullover zurecht. Was im Internet als sympathischer Dilettantismus durchgeht und gerade den Charme vieler Videos ausmacht, wirkt im Scheinwerferlicht des Fernsehstudios vor allem unsicher.

Das Problem der "MyVideo-Show" ist, dass der große Erfolg von Online-Videoportalen gerade durch die Abgrenzung vom Fernsehen möglich wurde. Dank freier Auswahl und Suchmöglichkeiten ist dort jeder sein eigener Programmchef. Und als im Fernsehen kaum noch Spielraum für Tabubrüche zu sein schien, blieb noch das Internet, um weiter die Grenzen auszuloten. Dort sind Obszönitäten, Diffamierungen und Urheberrechtsverletzungen an der Tagesordnung, die sich das Fernsehen nicht erlauben kann – laut Sat1 müssen die Beteiligten der "MyVideo-Show" mit der Ausstrahlung einverstanden sein.

Die Selbstdarsteller von heute übertreten für ihre 15 Megabytes of Fame häufig von Anfang an Peinlichkeitsgrenzen, vor denen selbst alternde Schlagerstars oder Paris Hilton kapitulieren würden. Peinlichkeiten, die auch dem Privatfernsehen zu weit gehen. So wird es die frauenverachtenden Testosteron-Tiraden von "Voll Assi Toni", der von seiner hautfarbenen Couch unerfreulich detailreich über sein Sexualleben berichtet, wohl vorerst nur im Internet geben. Da würde auch kein "Unglaublich, dass Männer das machen" der Moderatorin mehr helfen.

Übrig bleibt fürs Fernsehen eine Mischung aus niedlichen Tier-Missgeschicken, stolpernden Kleinkindern und slapstickartigen Sportunfällen. Meistens ist die Bildqualität eher dürftig. Früher, in "Pleiten, Pech & Pannen", bekamen die Filmemacher wenigstens 400 Mark pro Video.

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