Nach dem Kino Der Fremdgeher
Ein Angebot aus Hollywood, für einen Film mit Tom Hanks, das wäre das Größte für praktisch jeden deutschen Schauspieler. Ulrich Matthes aber hat das Angebot abgelehnt - für eine Theaterrolle. Spinnt der? Nun ja, Matthes ist theaterverrückt, und er will unbedingt dabei sein, wenn der wohl beste deutsche Filmemacher fremdgeht - und zum allerersten Mal am Theater Regie führt. Christian Petzold ist bekannt geworden mit der traumverlorenen Tristesse von Filmen wie "Gespenster", "Yella" oder "Jerichow". Nun inszeniert er Schnitzlers Wehmutsdrama "Der einsame Weg" am Deutschen Theater Berlin.
Das ist ein Wagnis. Wird Petzold der Wechsel von der Leinwand auf die Bühne gelingen? Lässt sich seine unverwechselbare Ästhetik überhaupt übersetzen?
Das Ensemble des Deutschen Theaters jedenfalls ist exzellent, der Name Petzold wirkt wie ein Magnet, und so sind neben Ulrich Matthes auch andere Schauspielgrößen dabei: Almut Zilcher zum Beispiel, Ernst Stötzner und natürlich Nina Hoss, die so etwas wie die Muse des Frauen- und Schauspielerverstehers Petzold ist und bereits vier höchst depressive Hauptrollen in seinen Filmen gespielt hat. Schwieriger zu finden war da schon das richtige Stück. Der Intendant Oliver Reese habe ihm Vorschläge gemacht, berichtet Petzold, darunter Texte von August Strindberg und Henrik Ibsen. Naturalistische Gesellschaftsdramen also, was nahelag bei den kargen Kapitalismusanalysen, die Petzold zuletzt ins Kino gebracht hat. Zu naheliegend, fand er: "Das war mir zu sehr eins zu eins. Warum sollte ich so einen Stoff fürs Theater machen?"
Stattdessen griff Petzold, 48, zu Schnitzlers Altherrenstück "Der einsame Weg", einem Drama über drei alternde Künstlerfreunde: den Maler Julian Fichtner und den Dichter Stephan von Sala, beide einst Schwerenöter, sowie den solide verbeamteten Kunstprofessor Wegrat. Dessen Frau stirbt, sein Sohn entpuppt sich als Kuckuckskind von Fichtner, und seine Tochter Johanna verliebt sich in Sala. Der jedoch ist todkrank, und so bringt Johanna sich um. Wegrat und Fichtner bleiben zurück - und treten den Weg ins Alter allein an. Wie man sein Leben führt, es endet in Einsamkeit.
"Es ist unglaublich schwer, aus dem Stück etwas zu machen", sagt Petzold, "weil es überbordend ist und tief autobiografisch." Schnitzler, der Schriftsteller, Arzt und Frauenverbraucher, habe sich in den Text hineingeschrieben. "Die Distanz fehlt, die Figuren schauen auf den Autor zurück." Hinzu komme der ausufernde Konversationston, "das Wiener Zuckerwerk". Von 90 Seiten hat Petzold 40 gestrichen. Ja, hat ihm denn an diesem Theatertext rein gar nichts gefallen? Doch, doch: Das Stück sei ein reines Dialogstück, "wie der 'Reigen' in Schwarz", lobt Petzold. Man merke, dass wenige Jahre vor der Berliner Uraufführung 1904 die ersten Kinovorführungen in der Stadt stattgefunden hätten: "Der Film hat Schnitzler vom Naturalismus befreit, wie die Porträtmalerei die Fotografie."
Petzold ist ein Filmbesessener: Zivildienst machte er im Filmclub, und als er sich während seiner Studienzeit nach einem Nebenjob umschauen musste, entschied er sich gezielt für eine Stelle als Beleuchter an der Berliner Schaubühne - weil ihm das Theater nicht so wichtig war, der Film hingegen viel zu heilig für den schnöden Broterwerb: "Ich wollte mein Geld mit etwas verdienen, was nichts mit Film zu tun hat."
Trotzdem hat er damals am Theater einiges gelernt. Peter Stein führte dort Regie - und probte einmal einen ganzen Vormittag lang eine Szene, in der sich die Schauspieler an einen Tisch setzen. Mehr nicht. "Das hat mich beeindruckt, diese Neuerfindung von Alltäglichkeiten." Petzold probt auch beim Film mit seinen Darstellern, wenigstens eine Woche vor Drehbeginn: Sie schauen gemeinsam Filme, lesen Bücher - sie "laden sich auf", wie er sagt. Den Luxus längerer Proben jedoch, die exakte Ensemblearbeit an kleinsten Szenen, das hat Petzold beim Film immer vermisst - und das hat ihn nun ins Theater gelockt. Nicht für immer natürlich, aber er genießt den Ausflug: "Die Zeit habe ich sonst nie; das wäre zu teuer."
Premiere ist am 14. März, satte zwei Monate nach Probenbeginn. Seine Schnitzler-Inszenierung werde schlicht sein, kündigt Petzold an, das Bühnenbild klar und rein, "so dass jede Geste und jede Farbe wie eine Großaufnahme sind". Ähnlich wie in den leeren Landschaften seiner Filme vielleicht. Und ähnlich wie in seinem Großstadtmärchen "Gespenster" will er auch Schnitzlers Jugendliche jung und alt zugleich zeigen: "Die reden so reif daher und haben noch gar nichts erlebt. Die haben sich infiziert an den Diskursen der Alten." Nina Hoss, mit 33 Jahren vermeintlich viel zu alt für die Rolle der verträumten Johanna, ist daher eine Idealbesetzung: Die Frau, die in seinen Filmen so schön ist und so traurig zugleich, diese Frau habe gar kein Alter. Es gebe Szenen mit ihr, da laufe sie in einer Stadt herum, "als ob sie gerade Religion blaumacht", sagt Petzold. "Sie kann zwischen 18 und 38 hin- und herspringen." Ein solches Lob, das muss das Größte sein für Schauspieler.