Nach der Katastrophe Die Bilder des Terrors
Fast glaubt man, von der Passagiermaschine mitgerissen zu werden, die in den Südturm des World Trade Centers rast. Sind angesichts der Horrornachrichten vielleicht nur die Knie weich, oder legt man sich nicht doch ein wenig mit in die Kurve? Kurz vor dem Aufprall scheint das Flugzeug für den Bruchteil einer Sekunde stillzustehen. Dann bleibt der ausgefranste Umriss des Jets in der glänzenden Fassade aus Glas und Stahl zurück - kurz darauf kriecht eine gigantische Feuerwolke an dem Hochhaus in die Höhe, der Himmel strahlt unendlich blau. Die Bilder gehören wohl zu den schockierendsten und gleichzeitig beeindruckendsten Katastrophenmitschnitten, die bislang im Fernsehen gezeigt wurden. Trotzdem wirken sie sehr vertraut, denn sie existierten ja bereits.
Seit Jahrzehnten sind solche Szenen in den Kinosälen zu sehen, seit Jahrzehnten haben sich die Augen der Zuschauer an apokalyptische Visionen auf Großleinwand gewöhnt. Popcorn kauend, eingekuschelt in die immer größer und breiter werdenden Sessel hält das Publikum die Luft an, wenn Regisseur Wolfgang Petersen Hollywoodstar Harrison Ford in der "Air Force One" (1997) gegen Terroristen kämpfen lässt, die das Flugzeug mit der Präsidentenfamilie an Bord in ihre Gewalt gebracht haben, um die USA zu erpressen.
Regisseur Roland Emmerich brachte die komplette Zerstörung der amerikanischen Metropolen bereits 1996 mit "Independence Day" in die Kinos. Wie man heute weiß, hat er die Angriffe auf New York und Washington erschreckend realistisch dargestellt. In den Streifen fliehen die Hollywood-Schauspieler vor gigantischen Staubwolken, die durch die Straßenschluchten kriechen, die Hochhäuser sacken in sich zusammen wie nun die Zwillingstürme an der Spitze Manhattans. Doch damals waren die Feinde Außerirdische - mit denen konnte man auf die ein oder andere Weise schon fertig werden. Auch gegen den Asteroiden in "Armageddon" (1998), der mit einer Geschwindigkeit von 36.000 Stundenkilometern auf die Erde zu rast, halfen - selbst als die Hoffnung schon längst gestorben schien - Männer wie Bruce Willis. Zur Rettung der Welt ließ er sich mit seinem Expertenteam auf dem riesigen Gesteinsbrocken absetzen, bohrte ein Loch und zündete in letzter Sekunde die Atombombe, die die Gefahr in Staub auflöste.
In "The Day After" krochen 1983 die wenigen Überlebenden nach einem Atombombenangriff aus den Trümmern der Städte, die Straßen waren mit Schutt überhäuft, die Menschen mit dicken Staubschichten bedeckt - so wie nun in New York. Doch was die jüngsten Terrorangriffe so schrecklich macht, ist, dass es keine Außerirdischen und keine ferngezündeten Waffen waren, sondern ganz reale Menschen, die sich zu lebenden Bomben machten und damit viele Unschuldige in gekaperten Flugzeugen und am Boden in den Tod rissen. Es gibt kaum Plätze oder Einrichtungen auf der Welt, auf denen mit relativ bescheidenen Mitteln mehr Menschen getroffen werden können als es nun in den USA geschehen ist. Nun sind die Hollywood-Phantasien real geworden. In einem Terrorakt ohnegleichen.
Am Mittwoch berichtete der britische Nachrichtenkanal BBC Online, dass in Hollywood gleich mehrere Filmstarts auf Eis gelegt worden seien: Der Start von "Big Trouble", in dem eine Kofferbombe in einem Flugzeug geschmuggelt wird, wurde auf unbestimmt Zeit verschoben. Ob der neue Arnold Schwarzenegger-Film "Collateral Damage" wie geplant Anfang Oktober in die Kinos kommen wird, ist noch nicht entschieden. In dem Streifen wird ein Hochhaus von einer Bombenexplosion erschüttert. Auch die Fortsetzung von "Men in Black" wurde vorerst ausgesetzt.
Terrorakte auf prominente Ziele sind auch in der Literatur ein immer wiederkehrendes Thema: Mit einem Giftgasanschlag auf dem Wiener Opernball (1995) bringen Terroristen in Josef Haslingers gleichnamigen Roman die österreichische Wohlstandsgesellschaft ins Wanken. Zwei amerikanische Romane beschreiben ähnliche Szenearien: Tom Clancy beschreibt in seinem Buch "Befehl von oben" (1996), wie ein japanischer Terrorist mit einer Boeing 747 das Capitol in Washington zerstört. Bei dem Anschlag werden Präsident, Kongress und das Oberste Gericht der USA komplett ausgelöscht. In Tom Harris ("Hannibal") erstem Roman "Schwarzer Sonntag" (1975) planen zwei Kamikaze-Flieger, eine Bombe über einem ausverkauften Football-Stadion abzuwerfen. Drahtzieher des Attentats sind arabische Terroristen, die sich für ein israelisches Attentat rächen wollen.