Nachlass-Versteigerung Ein Stück von Inge Meysel
Das Podium ist leer, das Licht der Kronleuchter gedimmt. Gut 300 Menschen verstummen artig, als Panflötenklänge den Saal der Patriotischen Gesellschaft zu Hamburg erfüllen. Rechts und links der Bühne werfen Beamer große Fotos einer winkenden Inge Meysel auf zwei Leinwände. Heute wird das Erbe der Mutter der Nation versteigert.
Lars Koch ist der Chef des Aktionshauses Schopmann. Ein sehr schlanker Mann mit sehr gebräuntem Teint und sehr wenig Zeit. Auf seinem dunkelblauen Nadelstreifenanzug sitzt ein Samtkragen. Man musste dieses Mal von einer Versteigerung in den eigenen Räumen absehen, weil man sich "bewusst über den Kreis von Sammlern und Liebhabern hinaus" auch an die "Fans von Inge Meysel" habe wenden wollen, sagt er. "Eine für uns völlig neue Kundenklientel".
Am Eingang der Patriotischen Gesellschaft hat er freundliche, in dunkelblaue Kostüme gewandete Hostessen postiert und sehr entschlossen dreinblickende Männer in gleichfarbenen Anzügen. "Kann ich meinen Hund mit reinnehmen?", fragte eine Frau aus Paderborn. Einen solchen Fall habe man noch nicht gehabt, sagt die Hostess und verspricht, sich zu erkundigen. Eine andere verlangt nach einer "Sitzgelegenheit für meine Mutter. Sie hat ein künstliches Kniegelenk." Koch sorgt persönlich für einen Platz.
Kleinkinder und Butterbrote
Das nach eigenen Angaben älteste Auktionshaus Deutschlands versteigert ansonsten Gemälde, antike Möbel und Villen an Klienten in aller Welt. Heute ist das Volk gekommen. Es sitzt erwartungsvoll in Jeans und Karohemden, in dunkelblauen Röcken, Pullovern mit Lochstickerei und ordentlich frisierter Dauerwelle auf den gepolsterten Stühlen. Es hat Kleinkinder, Hunde und geschmierte Brote mitgebracht. Ein Fanclub aus Süddeutschland soll mit einem Bus angereist sein.
Sie alle wollen ein Meysel-Souvenir mit nach Hause nehmen. Irgendwas. Den kleinen Aschenbecher in Form eines Kugelfischs vielleicht, laut Katalog "Messing, 20. Jahrhundert". Das "Konvolut aus Plüschtieren, verschiedene Materialen, 20. Jahrhundert". Oder die kleine Porzellankatze mit der rosa Schleife, ebenfalls 20. Jahrhundert, die man als Teekanne benutzen kann.
Koch begrüßt sein Publikum, zitiert Shakespeare und den Talmud und mahnt zum Schluss, was mit Inge Meysels Erbe geschehe, "das liegt jetzt in Gottes und in Ihrer Hand". Er sieht nicht so aus, als hielte er letzteres für eine gute Idee, aber Inge hat es ja so gewollt.
Erika Jahnke aus Südergellersen bei Lüneburg hat es auf Meysels Türklopfer abgesehen, eine gußeiserne Faust an einer Metallplatte. Bei 30 Euro liegt der Ausgangspreis. Bevor es losgeht, erklärt Auktionatorin Dorothée Rather, wie das mit dem Ersteigern eigentlich geht, denn "es sind heute ja sicher Leute unter uns, die noch nie bei einer Auktion dabei waren". Erika Jahnke lehnt sich entspannt zurück. Sie hat schon Erfahrung bei eBay gesammelt.
"Ganz schön hohes Niveau hier"
"Zum Mitbieten braucht man eine Bieternummer. Wenn Sie bieten wollen: bitte deutlich aufzeigen und bitte nicht verkehrt herum halten - etwa so", erklärt Rather, die mit ihrem blonden Pagenkopf, der Perlenkette und dem beigefarbenem Kostüm aussieht wie Judy Winter und spricht wie Anne Will, nur doppelt so schnell. Die nächsten sechs Stunden werden ein Parforceritt durch 72 Katalogseiten mit 396 Erbstücken. Erika Jahnke steigt bei 100 Euro aus. Der Klopfer geht für 440 Euro an den Bieter Nr. 513. "Das ist ja ein ganz schön hohes Niveau hier", raunt Jahnke ihrer Schwester zu.
Die Käufer einer Obstschale, "innenliegend diverse Früchte, Kunststoff", Ausgangspreis 30 Euro, ziehen besonders große Aufmerksamkeit auf sich. Kameraleute und Fotografen scharen sich um Werner Biesterfeld und seine Lebensgefährtin Cristina Gogat. Sie wohnen am Südstrand Nummer 15 in Bullenhausen, gleich neben Meysels Haus. "In dieser Schale bewahrte sie das Obst auf, das wir ihr ab und zu brachten", erzählt Frau Gogat bewegt. Am liebsten habe die Inge Honigmelone gemocht, "weil sie die am besten kauen konnte." Die Schale habe sie unbedingt ersteigern wollen, sagt Gogat, um jeden Preis. 130 Euro reichten.
Überhaupt geht es streckenweise schleppend voran. Zu den Ladenhütern zählt etwa ein Glaskrug "mit polychromer Darstellung eines jungen Herren" und dem aufgemalten Spruch "Gesundheit und frohen Sinn soll dir stets im Leben blühen". Dorothée Rather appelliert an die Vernunft des zögernden Publikums: "Gesundheit ist doch immer gut!"
Die Goldene Kamera - ein Schnäppchen
Um die Goldene Kamera dagegen (Ausgangspreis: 200 Euro) buhlen gleich mehrere finanzstarke Käufer. Sie gehörte Meysels Ehemann John Olden, der heute auch in Form einer gleichnamigen lebensgroßen Schaufensterpuppe vertreten ist, Katalognummer 2, Ausgangspreis 240 Euro. Der "Hauswächter Jonny" genannte Kunststoffkerl stand in Meysels Hausflur. Die Interessenten liefern sich ein minutenlanges Duell um Oldens Kamera. Nummer 191 - ausdauernd wie ein Marathonläufer - entscheidet den Kampf für sich. 2000 Euro. Ein Schnäppchen.
Nummer 191 heißt Ingo Ott. Er trägt einen schwarzen Cordanzug, eine randlose Brille und vornehme spitze Schuhe aus braunem Leder. Der 36-Jährige ist für die Auktion von seiner Finca auf Mallorca nach Hamburg gereist. Er arbeite bei einem großen Privatsender, mehr will Ingo Ott nicht verraten. Ott nennt sich einen großen Meysel-Verehrer und ihren Freund. Für die Kamera hätte er auch einen "sechsstelligen Betrag" ausgegeben, sagt er. "Ich weiß, dass sie ihr mehr bedeutet hat als ihre eigenen Preise. Manchmal hat sie mit ihr geredet."
67.671 Euro kommen an diesem Nachmittag zusammen. Das sei doch zufriedenstellend für alle Beteiligten, findet Dorothée Rather. Die Erbengemeinschaft bleibt nicht auf Meysels Hausrat sitzen. Und jeder "Fan", so Rather, habe heute die Gelegenheit gehabt, sein persönliches Andenken zu ersteigern.
Erika Jahn hat, wenn schon nicht die Eisenfaust für ihre Haustür, wenigstens ein paar Theatermanuskripte ergattern können. "Die werde ich zu Hause auch lesen. Ist doch bestimmt ganz interessant."