Nachwuchs-Künstler: Einsamkeit im Kunstboom - DER SPIEGEL
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Nachwuchs-Künstler Einsamkeit im Kunstboom

Kompententer Blick in die Zukunft: Die drei Herausgeber des Buchs "The Art of Tomorrow" stellen 77 junge Künstler vor, von denen sie Großes erwarten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer gäbe beim Besuch einer Kunstmesse oder einer Galerie, eines Kunstvereins oder einer Biennale nicht alles für einen verständlichen Hinweis, was wohl von der jungen Kunst zu halten ist, die er da gerade präsentiert bekommt. Gehört sie zu einem Trend, entspricht sie vielleicht gerade dem derzeitig vorherrschenden Geschmack? Wenn ja, wird sie den Zeitgeist überdauern, hält der Künstler durch?

Da kann es nur hilfreich sein, wenn es ein Buch über zeitgenössische Kunst gibt, das zuverlässig und mit Sachverstand einen Überblick gibt. "The Art of Tomorrow", gerade erschienen im Distanz Verlag, will so ein Buch sein. Laura Hoptman, Yilmaz Dziewior und Uta Grosenick haben es herausgegeben und stellen darin 77 internationale Künstler vor, die "am Beginn ihrer Karriere" stehen, aber, so das Versprechen der Herausgeber, zur "nächsten maßgeblichen Generation" gehören.

Künstler mit Potential für wichtige Impulse

Ihre "repräsentative" Auswahl zeige Künstler, die dem "jetzigen Diskurs der bildenden Kunst wichtige Impulse" geben und die das Potential haben, "noch einflussreicher zu werden". Man glaubt es ihnen, denn die drei Herausgeber haben Kompetenz und Erfahrung im derzeitigen Ausstellungsbetrieb. Weniger kompetent wirken die saloppen Kurzbiografien der Autoren am Ende des Buches, nur bei Dziewior wird beispielsweise erwähnt, dass er Kunsthistoriker ist. Anderes ist widersprüchlich, Laura Hoptman wird als "Kraus Family Senior Curator am New Museum of Contemporary Art in New York" vorgestellt, in der Ankündigung des Distanz Verlages ist sie allerdings "Kuratorin in der Abteilung Malerei und Skulptur im Museum of Modern Art in New York".

Das Lektorat also hätte besser sein können, das Buch selbst aber ist interessant. "The Art of Tomorrow" will sich an "Künstler, Theoretiker, Autoren, Galeristen und Kuratoren" richten, aber auch "das Interesse eines weniger spezialisierten Publikums wecken". Daher sei es wichtig, nicht nur "aussagekräftige Texte von internationalen Verfassern, sondern auch eindrucksvolle Bilder im Buch zu versammeln, die die gezeigten Positionen visuell verständlich machen".

Sachlich und verständlich, aber auch kryptisch

Dafür gibt es vier schön und übersichtlich gestaltete Seiten über jeden Künstler - drei davon mit Fotografien seiner Arbeit. Auf der ersten wird er vorgestellt. Ein kleines Porträtfoto, biografische Angaben, dann werden eine bis sechs Ausstellungsteilnahmen aufgelistet. Künstler ohne Ausstellungen gibt es auch, z.B. Aaron Curry, Andreas Bunte oder Manuel Graf. Schließlich die Web-Adressen der Galerien, die den Künstler vertreten. Daneben steht ein je einspaltiger Text auf Deutsch und Englisch von unterschiedlichen Autoren, die auch sehr unterschiedlich schreiben: Manchmal sachlich und verständlich, wie der Chefredakteur von "Texte zur Kunst", Sven Beckstette, die Publizistin und Kuratorin Astrid Wege, oder Kirsty Bell, deren Text über den polnischen Künstler Robert Kusmirowski sein Konzept nachvollziehbar macht. Oliver Koerner von Gustorf schreibt fast erzählerisch und lässt Künstler wie Andro Wekua zu Wort kommen, der "im Kunstboom" auch "große Einsamkeit fühlt". Von der Begeisterung Ali Subotnicks über die Animationsfilme von Nathalie Djurberg ist man sofort angesteckt.

Schade, dass es unter den Texten auch solche mit kryptischen Erklärungen gibt. Wohl dem, der mit der "eigentümlichen enigmatischen Sachlichkeit" der Fotografie von Annette Kelm etwas anfangen kann, wobei es der Künstlerin aber "tatsächlich nicht um Verrätselung, sondern um verdichtete Bildhaftigkeit geht".

Subjektive Auswahl

Man muss mit der Auswahl der 77 Künstler natürlich nicht einverstanden sein. Man kann sich fragen, warum Klara Liden nicht im Buch vorkommt, denn sie ist Preisträgerin des "blauorange 2010" und nominiert für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, hat mehrfache Biennale- und Einzelausstellungen und jede Menge internationaler Ausstellungen vorzuweisen. Genauso wie Kitty Kraus. "Dass bei 77 Künstlern viele Künstler fehlen, ist klar", sagt Uta Grosenick. Und außerdem sei die Auswahl "natürlich subjektiv".

Trotzdem gibt das Buch eine gute Übersicht über einzelne Künstler und die derzeitige junge Szene. Es zeigt, dass es keine eindeutigen Trends gibt. Das Figurative steht neben abstrakter Malerei, Konzept- und Minimal- neben Performance-Kunst, monumentale Skulpturen neben kleinen Formaten. Was davon allerdings nur Zeitgeist ist, wird man erst 2020 beurteilen können.