Nachwuchs-Terrorist Smyrek Aus Detmold ins Paradies
Wie wird man ein Märtyrer? Gibt es Berufsberater, die einem sagen können, was man machen, was man lernen, wo man sich melden muss? Offenbar gibt es sie nicht, und deswegen sind junge Männer und Frauen, die Märtyrer werden möchten, auf eigene Initiativen und die Hilfe des Fernsehens angewiesen. In Deutschland ist man mit "Big Brother", dem Schlager-Grand-Prix und zuletzt der Doku-Soap "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" schon ziemlich weit, aber wem solche Erfahrungen nicht qualvoll genug sind, der muss sich etwas einfallen lassen, um das ultimative Ding zu erleben.
Wie Steven Smyrek, der Ende 1997 im Auftrag der libanesischen Terrormiliz Hisbollah von Braunschweig über Amsterdam und Rom nach Tel Aviv reiste, um "Für Allah in den Tod" (ARD gestern Abend 21.45 Uhr) zu gehen. Seit sechs Jahren sitzt der heute 32-Jährige in einem israelischen Gefängnis, in die Luft sprengen konnte er sich nicht, dafür wurde er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, und das ist schon einiges, auch wenn es nicht das erhoffte Paradies ist.
Gestern hat die ARD die Geschichte des Steven Smyrek aus Braunschweig in einer Dokumentation nacherzählt, und es war einer der inzwischen raren Momente, da man den Kollegen vom Ersten vieles nicht mehr übel nimmt, nicht einmal "Bunte TV" oder "Wellness TV". Denn wenn die ARD nur will, dann kann sie auch, was sie am besten kann: Nachrichten aufarbeiten, Geschichten präsentieren, Hintergründe erklären.
Da sitzt also ein junger Deutscher im Besucherraum eines israelischen Gefängnisses und sagt Sätze wie: "Es ist ja nicht ein Selbstmordanschlag in dem Sinne, es ist für uns eine Ehre, in den Tod zu gehen. Das Ziel ist, dass wir dem Feind Verluste beifügen können." Während er dies sagt, grinst er die ganze Zeit, als würde er Szenen aus der "Feuerzangenbowle" nacherzählen. Immer wieder rutscht ihm ein "Sag' ich mal so" raus. Er sagt auch gerne "wir" und "man", um seine Haltung zu erklären. "Wir denken nicht über diese Sache nach. Man hat keinen Freiraum, darüber nachzudenken."
Dabei wirkt er gar nicht wie ein Fanatiker, nur wie ein Überzeugungstäter, der einen Auftrag erhalten hat, an dessen Ausführung er leider gehindert wurde. Gefragt, wer ihn auf die Reise geschickt hat, setzt er wieder sein Grinsen auf und verweigert die Aussage: "Kann ich mich leider nicht zu äußern, möchte ich mich nicht äußern."
Smyrek ist kein Antisemit, er hat nichts gegen Juden. Als er nach Israel flog, hatte er "keine Informationen" über das Land. Er war ein kleines, aber wichtiges Rädchen im Getriebe der Hisbollah, ein williges Werkzeug, der "Gottes Krieger für die gerechte Sache" werden wollte und sogar seinen Gefängnisaufenthalt als eine Art moralische Wertschöpfung empfindet. "Man wird hier weiter gebildet, sag' ich mal so."
Smyrek ist in Detmold aufgewachsen, aber das kann kein Grund sein, um später als Selbstmörder bei einer Terrorfirma anzuheuern. Als er sechs Jahre alt war, haben sich seine Eltern scheiden lassen. Auch das reicht als Erklärung nicht aus, denn Millionen von Scheidungskindern werden keine "Gotteskrieger", sondern terrorisieren nur ihre eigenen Familien. Er hat in England, wohin die Mutter mit ihrem zweiten Mann zog, ein Militärinternat besucht, wurde sogar "Kadett des Jahres". Zurück in Deutschland, diente er vier Jahre in der Bundeswehr, aber der deutsche Drill war ihm zu lasch.
"Er war ein Traumtänzer", sagt die Mutter. Der Vater kann sich an einen Satz erinnern, den sein Sohn ihm mal gesagt hat: "So arbeiten wie du möchte ich nicht." Steven handelt eine Weile mit Drogen, bekommt "viel Geld für wenig Arbeit". Die Eltern machen einen sympathischen Eindruck, verkneifen sich jenen üblichen Unsinn vom lieben Sohn, der es nicht gewesen sein kann, den Eltern in solchen Situationen gerne erzählen. Aber auch sie können sich nicht erklären, warum der Junge eines Tages austickte und zum Islam übertrat.
"Der Islam ist der richtige Weg, die richtige Religion, es ist die Wahrheit", sagt Smyrek. Er nennt sich jetzt Abdel Karim, "der Großzügige", und will sein Leben für eine gute Sache opfern. Die Mutter kann ihn nicht aufhalten. "Ich habe gemerkt, dass ich ihn verliere, er hat eine Gehirnwäsche gekriegt." Rückblickend macht sie sich Vorwürfe. "Ich hätte zur Polizei gehen sollen." Aber was hätte sie der Polizei sagen sollen? Dass ihr Sohn in einer Wohnung lebt, in der nur ein Gebetsteppich und eine Matratze liegen? Dass er sich über Mädchen aufregt, die zu kurze Röcke tragen? Dass er kein Toilettenpapier mehr benutzt? All das kam ihr seltsam vor, aber strafbar war es nicht.
Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Rückblickend fügt sich vieles zu einem Mosaik zusammen, das für sich genommen keinen Sinn ergab. Die Dokumentation von Eric Fiedler zeigt, wie schmal der Grat vom Idealisten zum Terroristen ist, der nicht nur sein eigenes Leben opfern, sondern möglichst viele in den Tod mitnehmen will, aber sie zeigt nicht, warum einer zum Terroristen wird. Denn diese Frage ist nicht zu beantworten.
Auch nicht die: Was macht man mit einer tickenden Zeitbombe? Steven Smyrek könnte bald freikommen. Er steht auf der Liste der 400 Gefangenen, welche die Hisbollah gegen drei tote israelische Soldaten tauschen möchte. Seine Mutter macht sich Sorgen: "Ich habe Angst, wenn er rauskommt, was könnte er machen?"
Ihr Sohn dagegen schaut zuversichtlich in die Zukunft. "Möchtest du ein Märtyrer sein?" fragt ihn der Reporter am Ende der Unterhaltung. Smyrek antwortet: "Wir müssen alle mal sterben. Um diese Auszeichnung zu erlangen, werde ich mein Leben geben." Und grinst wieder. Denn lebensmüde oder verrückt ist er nicht. Er möchte nur ins Paradies. Das kann "Big Brother" eben nicht bieten.